Kolumne OTon
Reise in die Kindheit

Sabine Töpperwien gehört zum festen Kommentatoren-Stamm der Bundesliga-Konferenz bei „Heute im Stadion“. Bild: dpa

Ein Samstagnachmittag 1990, 15.30 Uhr: Das Gartenhaus ist rappelvoll. Um den Tisch sitzen mein Vater, Onkel, Opa, Nachbarn, Freunde und ich. Sieben Jahre jung. In der Ecke läuft das Radio in voller Lautstärke. Bayern 1. Wir hören die aktuellen Spiele der Fußball-Bundesliga in der Kultsendung „Heute im Stadion“.

Die Erwachsenen fachsimpeln, diskutieren und wissen vieles besser. Der Trainer muss sowieso eine andere Taktik wählen, den Alt-Star eh nie mehr aufstellen und warum er die Nachwuchshoffnung wieder auf die Bank setzt, wird sein Geheimnis bleiben.

Schankmeister

Auch ich „Nachwuchs-Experte“ gebe natürlich meinen Senf dazu. Erfahrung habe ich schließlich schon genug gesammelt mit zwei Jahren bei den Bambinis und einem Jahr in der F-Jugend. Die Erwachsenen zapfen sich, wie es sich für einen zünftigen Männer-Fußball-Stammtisch gehört, kühles Blondes vom Fass. Ich genieße als Schankmeister das volle Vertrauen der illustren Runde. Mit jedem Glas erhöhen sich Lautstärke sowie Nachdruck der fachkundigen Kommentare. Ich bin fester Bestandteil des Stammtisches und schlürfe meine Apfelschorle – somit kann mein Getränk wenigstens farblich mithalten.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
„Tooooooor in München“ dröhnt es aus dem alten „Saba-Donau-F-Radio“, das inzwischen in einem Museum für antike Kunst gelandet sein dürfte. Sofort schießen die Spekulationen ins Kraut. „Ausgleich“ – „Nein, nein, 2:0 für die Bayern. Der Laudrup hat eins rein“ – „Bestimmt der Ausgleich, sonst hätte der Kommentator ja nicht so geschrien“, versuche ich mich an einer Prognose. Es war das 2:0 für die Bayern und ich ernte Blicke, die mir verdeutlichen sollen: „Ja ja Kleiner, das lernst du schon noch.“

Aufmunternd wuscheln mir die Männer durchs Haar, während ich am Strohhalm meiner Apfelschorle nuckle. Ich schnappe mir die leeren Gläser vom Tisch und mache mich auf den Weg zum Zapfhahn. Kurz nach dem Schlusspfiff ruft mich meine Mutter ins Haus. „Wenn du dann die Sportschau sehen willst, gehst du vorher ins Bad.“ Ich leiste für sonstige Verhältnisse ungewohnten Gehorsam. Bei der Sportschau versteh’ ich keinen Spaß.

Ohne Internet

Ein Samstagnachmittag 2016. 15.30 Uhr. Inzwischen zum mittelmäßigen Kreisliga-Kicker gereift, habe ich gerade mit meiner Mannschaft ein Vorbereitungsspiel in Tschechien absolviert. Auf Kunstrasen. Kaum zurück in der Kabine zücke ich das Smartphone. Bundesliga läuft schon. Aber ich blicke ins Leere. Keine Internetverbindung im Ausland. Kein Liveticker. Keine mobile Variante eines bekannten Pay-TV-Senders.

Die rettende Lösung: Radio! Die Heimfahrt wird zu einer Reise in meine Kindheit. Wir sitzen zu fünft im Auto und fiebern bei „Heute im Stadion“ mit – fachsimpeln und diskutieren genauso wie Vater, Onkel, Opa, Nachbarn und Freunde vor 26 Jahren im Gartenhaus. Später sitzen wir im Sportheim, schauen das abendliche Topspiel. Mit dem Smartphone in der Hand – und diskutieren. Unsere Thesen untermalen wir mit Experten-Meinungen, die diese via Liveticker, Facebook oder Twitter kundtun.

So sehr sich die Fußball-Berichterstattung und der Zugang zu Informationen über unzählige Kanäle gewandelt haben – ganz so gravierend wie viele meinen, unterscheiden wir uns von unseren Vätern und Großvätern doch nicht. Und aus der Apfelschorle von damals ist inzwischen ein leckeres Pils geworden.
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