Kolumne OTon
Zähne zeigen

So sieht man die "zahnluckade Hehna" selten lachen. (Foto: Schönberger)

"Zahnluckade Hehna - Lachen kannst ja dehna", sagte meine Mama oft zu mir. Um mich zu trösten, denn: Es ist schon häufig vorgekommen. Ich versuche vergeblich zu verstecken, was die Leute um mich herum früher oder später doch entdecken: Meine Zahnlücke.

Zwischen den vorderen beiden Schneidezähnen. So groß, dass ein handelsüblicher Strohhalm dazwischen passt, ohne ihn zu quetschen. Mein Zahnarzt findet sie super, weil er so viel Platz zum fuhrwerken hat. Schon im Freundschaftsalbum in der Grundschule musste man "besondere Merkmale" zu seiner Person angeben. Bei mir ganz klar: die Zannlücke. Für meine Mitschüler auch ganz klar. Aber eigentlich fand ich die Lücke immer doof. Vergeblich war die Hoffnung in Grundschultagen, mit den Milchzähnen würde auch die Lücke verschwinden. Sie blieb. Mit haargenau dem gleichen riesigen Abstand schossen die Schneidezähne nach.

Ich finde sie doof, weil... darum eben. Es ist, als würde ein großes Loch in meinem Gesicht klaffen, wenn ich offenen Mundes lächle. Auf Fotos, auf denen man meine Lücke sieht, fühle ich mich unwohl. Wie reagiert die Umwelt? "Wie süß!", "Die Lücke ist doch toll!"

Auch Promis wie Schauspielerin Susan Sideropolous, früherer Vize-Regierungschef des Südsudan Riek Machar, und auch langjähriger Fußball-Bundesliga-Profi Jimmy Hartwig teilen mein Leid. Es gab mal eine Moderatorin auf ProSieben, deren Zahnlücke noch gigantischer war als meine (Ja, ich übertreibe ein wenig, aber so fühlt es sich an). Sobald sie den Mund aufmachte, konnte ich nicht mehr zusehen und wechselte den Sender. Mich stört die Lücke nicht nur bei mir, sondern auch bei Anderen. Aber warum eigentlich? Ich habe das Gefühl, die Lücke lenkt ab von allen anderen, bemerkenswerteren Eigenschaften. Das fiel mir besonders bei der Moderatorin auf. Ich war so auf ihre Lücke fixiert, dass ich nicht mitbekam, worüber sie redete, ob sie witzig war, oder ob sie ohne Patzer durch die Sendung kam. Ob es meiner Umwelt auch so geht? Nein: "Das bildest du dir nur ein. Die Zahnlücke ist süß und wundertoll."

Genetisch bedingtes Erkennungsmerkmal


Egal: Abgeben ist sowieso nicht. Auch der Dentist wollte sie nicht schließen, er weigerte sich regelrecht. Die Zahnlücke ist geerbt. Von meinem Papa. Auch meine beiden jüngeren Brüder haben die Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen im genetischen Würfelspiel abbekommen. Und kann man unsere familiäre Zusammengehörigkeit einmal nicht fassen, glauben oder nachweisen - dann stellen wir uns auf, wie die Orgelpfeifen und zeigen Zähne. "Ach Gott, ihr müsst doch Geschwister sein", rufen uns Fremde wegen unserer plötzlichen Ähnlichkeit zu. Geteiltes Leid, ist halbes Leid. Egal ob geliebt oder verhasst - etwas Ungewöhnliches ist es allemal. Nicht jeder hat Zähne als genetisch bedingtes Erkennungsmerkmal. So ungern ich die Zahnlücke auch zeige: Habe ich einmal meinen Personalausweis vergessen, der meine Identität bestätigt, und zufällig einer meiner Brüder greifbar ist, zeige ich meine Lücke und jeder weiß, wer ich bin.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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