Kommentar zum digitalisierten Gesundheitswesen
Der total überwachte Patient

Im ansonsten eher mauen Wintersport-Geschäft des Einzelhandels waren sie in den vergangenen Monaten der absolute Renner: die schicken, stylischen Fitness-Armbänder. Sie zeichnen - zum Teil ohne Brustgurt - die sportlichen Aktivitäten auf, messen Herzfrequenz, Trainingsintensität und -häufigkeit. Noch vor kurzem setzten fast nur die ambitionierten Sportler ihren Pulsmesser ein. Jetzt entwickeln sich die Armbänder als trendiges Mode-Accessoire zum Massenprodukt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Krankenkassen der Idee verfallen, diese Daten "stärker zu nutzen und in der elektronischen Patientenakte zu sammeln". Die Techniker Krankenkasse (TK) traut sich hier als erste aus der Deckung.

Ist es der Political Correctness geschuldet, wenn Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) Bedenken gegen den "faktischen Zwang" anmeldet, solch "intime Daten" für eine Ausweitung der Bonus-Programme der Krankenkassen zu nutzen? Etwa mit der Zweiteilung in gute Mitglieder (da sportiv) und in Risikofälle (übergewichtig und träge) - und daraus die Beitragssätze abzuleiten? Jedenfalls klingt das Credo von Maas sehr idealistisch, dass der Patient "frei und selbstbestimmt" über die gesammelten Daten verfügen muss. In kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich wird in den nächsten Jahren die Kostenfrage so hart und brutal gestellt werden wie im Gesundheitswesen. In dieser Branche steht die Digitalisierung erst am Anfang.

Die modischen Fitness-Armbänder sind nur ein Teilaspekt. Längst gehören für Millionen Smartphone-Inhaber die kostenlosen Apps für die Überwachung des Schlafs, der Ernährung oder des Gewichts zum bequemen Standard. Ganz zu schweigen von den intelligenten Ortungs- und Navi-Systemen oder den verlockenden Programmen zur Erfassung aller nur denkbaren Sportarten.

Es wäre naiv, zu glauben, die digitale Tafel sei nur deshalb so reich gedeckt, um uns Nutzern einen Wohlgefallen zu erweisen. Die Anbieter wollen letztendlich mit den (Gesundheits-)Daten Geld verdienen. Die Tür zum total überwachten, gläsernen Patienten steht längst sperrangelweit offen.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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