Kopftritt in Neujahrsnacht 2015: Weitere Handy-Auswertung entlastet Student und seinen Kumpel
Freispruch für "Ultras"

(rns) Überraschendes Ende nach sechs Verhandlungstagen, circa 20 Zeugenvernehmungen, Anhörung eines medizinischen Sachverständigen, Hausdurchsuchungen und Handyauswertungen sowie einem Jahr Ungewissheit für die Angeklagten. Geht's ins Gefängnis? Ist das Leben zerstört oder nicht? Nun erging durch Jugendrichter Otmar Schmid das Urteil: Freispruch für beide.

Staatsanwalt Peter Frischholz hatte die damals 19 und 20 Jahre alten Männer beschuldigt, am Neujahrsmorgen letzten Jahres mit einem 24-Jährigen eine Rauferei angefangen zu haben. In deren Verlauf war der Student durch den Älteren zu Boden gebracht worden. Darauf hin bekam er von einem Dritten einen heftigen Fußtritt ins Gesicht, was zu zeitweiliger Bewusstlosigkeit und lebensgefährdenden Verletzungen führte.

Wer den folgenschweren Tritt gesetzt hat, konnte lange nicht geklärt werden. War es der jüngere Angeklagte, ein in einer Gemeinde im Landkreis wohnender Abiturient, inzwischen Lehramtsstudent? Oder ein ganz anderer? Mehrere Zeugen waren sich sicher, dass der Student der Treter war. Seine Freunde, großteils aus dem Lager der Weidener Eishockey-Hooligans, bezichtigten dagegen einen 25-jährigen Weidener

Licht ins Dunkel brachten schließlich die Auswertungen diverser Smartphones, die erst kürzlich von einem der Angeklagten an die Justiz übergeben worden waren oder die die Polizei beschlagnahmt hatte. Im "WhatsApp"-Chat bezichtigte sich der 25-Jährige selbst der Tat, diskutierte mit seinen Kumpels, ob er sich stellen sollte und gab andere Einzelheiten preis. Als Zeuge machte der Monteur, begleitet von Rechtsanwalt Johannes Zintl, keine Angaben.

Warum er nicht schon früher als Täter benannt wurde, bleibt schleierhaft. Keiner der Zeugen hatte bislang seinen Namen ins Spiel gebracht, auch der Angeklagte ging damals in U-Haft, ohne ihn zu nennen. Auf alle, die durch die WhatsApp-Nachrichten über seine Täterschaft informiert waren und dies bei der polizeilichen Vernehmung verschwiegen haben, kommen nun Verfahren wegen Strafvereitelung zu.

Der ältere Beschuldigte wurde ebenfalls freigesprochen. Er hat gestanden, das Opfer zu Boden gebracht zu haben. Aber ein Kopfstoß oder Flaschenwurf konnte ihm nicht nachgewiesen werden. "Viele ungesicherte Fakten", so Rechtsanwalt Engelbert Schedl, müssten zugunsten seines Mandanten ausgelegt werde. Tatsache sei, dass der Student nicht durch seinen Mandanten verletzt worden war. Folglich liege keine Körperverletzung vor. Rechtsanwalt Tobias Konze bestand darauf, dass sein Mandant, der Student, nicht nach dem Grundsatz "In dubio pro reo" ("Im Zweifel für den Angeklagten"), sondern wegen erwiesener Unschuld frei zu sprechen sei.

In abschließenden Worten stellte Richter Schmid fest, dass "dumpfe, gewaltbereite Dialoge" im Chat-Verkehr und die Anfeuerungsrufe der "Ultras" bei der Schlägerei auf ein "erhebliches Gewaltpotenzial" hinwiesen. Die zweiwöchige U-Haft und das belastende Jahr der Ungewissheit, das Konze beklagt hatte, habe sich der junge Mann selbst zu zuschreiben. Man hätte ja bloß früher mit der Wahrheit herausrücken müssen. Der Prozess gegen den neuen Angeklagten, den 25-jährigen Weidener, beginnt in etwa zwei Monaten.
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