Krebspatient will Schadensersatz
Urologe vor Gericht

Der eine leidet an Krebs. Der andere soll mitverantwortlich sein, dass die Krankheit zu spät entdeckt wurde. Vor Gericht treffen sich der Patient und sein Arzt wieder. Juristisch scheint die Sache rasch klar. Gewinner wird es trotzdem keine geben.

Der Krebs ist gewandert. Erst wuchs er in der Prostata, dann steckte er in den Lymphknoten. Heute ist er auch in den Knochen des 67-Jährigen. Infauste Prognose, sagt sein Anwalt Manuel Soukup, nenne man das in der Medizin. Heißt so viel wie: ungünstig. Heißt: Um Heilung geht es nicht mehr. Nur noch um Verantwortung und finanziellen Ausgleich.

Damit der befasst sich die 1. Zivilkammer am Landgericht. Dort will der Patient mindestens 100 000 Euro Schmerzensgeld und die Erstattung bisheriger und künftiger materieller Schäden von dem Urologen, der ihn von Dezember 2012 an behandelt hat. Damals hatte ihn seine Hausärztin an den Fachmann vermittelt, mit dem Verdacht auf eine Entzündung oder gutartige Erweiterung der Prostata. Der Urologe diagnostizierte eine Entzündung, verschrieb zuerst Medikamente.

Bei einem der Folgetermine im März 2013 gab es eine Blasenspiegelung, die Harnröhre wurde geröntgt. Während der Mediziner nun offenbar von einer Vergrößerung ausging, blieben die Probleme. Im August kam der Mann mit akuten Beschwerden schließlich in ein Klinikum. Dort stellten die Ärzte ein Prostatakarzinom in fortgeschrittenem Stadium fest. Der Krebs war bereits in den Lymphknoten.

Entzündung vermutet


Der heute 67-Jährige und sein Anwalt werfen dem Urologen vor, die Gefahr nicht erkannt zu haben. Konkret: Der Mediziner habe den Mann nicht auf die Möglichkeit einer PSA-Untersuchung hingewiesen. Die ermittelt den Wert des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) im Blut. Ein erhöhter Wert kann ein Hinweis sein auf einen Tumor. Im Fall des 67-Jährigen gab es allerdings keinen Test. Anwalt Soukup argumentiert, damit hätte man früher eine Therapie beginnen und die schlimmsten Folgen vermeiden können.

Die Verteidigerin des Urologen wiederum will die Klage abgewiesen wissen. Der Mediziner selbst erklärt vor Gericht, es habe zunächst alles darauf hingedeutet, dass der Verdacht der Hausärztin richtig war: eine Entzündung. Dazu habe der Patient berichtet, die Hausärztin habe schon einen PSA-Test veranlasst, der keinen auffälligen Wert gebracht habe. Ohnehin hätten die Fachgesellschaften damals die PSA-Untersuchung kritisch hinterfragt. Auch sei offen, ob eine frühere Krebstherapie wirklich mehr Erfolg gebracht hätte, erklärt er in der Verhandlung. Aber, sagt er danach, natürlich gehe ihm das Schicksal seines früheren Patienten nahe.

Gewinner kann es in so einer Konstellation sowieso keine geben. Allenfalls juristisch. Dass der Kläger zumindest vor Gericht die besseren Karten hat, macht die Kammer unter Vorsitz von Viktor Mihl gleich zu Beginn klar. Die Höhe des geforderten Schmerzensgeldes sei zwar durchaus "ambitioniert", erklärt der Richter. Es spreche jedoch viel für einen "groben Behandlungsfehler".

"Nicht nachvollziehbar"


Eine Einschätzung, die auf dem Gutachten von Professor Dr. Claus Fischer beruht. Der Chefarzt am Klinikum Bayreuth bemängelt zwar nicht, dass der Urologe zunächst von einer Entzündung ausging. Auch sei deshalb anfangs eine PSA-Untersuchung sinnlos gewesen, weil eine Entzündung den Wert verändere. Aber es sei "nicht nachvollziehbar", warum der Kollege auch noch beim Folgetermin im März darauf verzichtete. Die Leitlinien sähen vor, den Patienten darüber zu informieren.

Vergleich angestrebt


Die Symptome könnten von einer gut-, aber eben auch von einer bösartigen Vergrößerung kommen. Und hier sei die PSA-Untersuchung nunmal "das Wertvollste, was man hat", weil sie frühzeitig Hinweise liefere. Gleichzeitig sei es nach allen Erfahrungen zumindest wahrscheinlich, dass der Krebs, wäre er damals schon entdeckt worden, noch nicht in die Lymphknoten gestreut hätte.

Dass der Urologe anführte, die Hausärztin habe laut Patient schon den PSA-Wert ermitteln lassen, will das Gericht ebenfalls nicht gelten lassen. Denn der Mediziner hat sich offenbar auf die Angaben seines Patienten verlassen, ohne noch einmal bei der Kollegin anzurufen. Als Facharzt wäre aber genau das seine Aufgabe gewesen.

Damit ist klar, wie ein Urteil ausfallen würde. Beide Seiten erklären deshalb, in den kommenden Wochen einen Vergleich zu suchen. (Hintergrund)
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