Kriminalpolizei Weiden nennt schockierenden Anstieg an drogenbedingten Todesfällen
Fünf Drogentote seit Neujahr

Versiegelt. Besteht der Verdacht auf eine unnatürliche Todesursache, beschlagnahmt die Kripo den Leichnam. Obduktion und toxikologische Untersuchungen ordnet die Staatsanwaltschaft an. Im Fall einer 41-jährigen Weidenerin wurde im Januar vorsorglich die Wohnungstür versiegelt, weil Fremdeinwirkung anfangs nicht ausgeschlossen werden konnte. Bilder: ma (1), Schönberger (1)
 
Am Ende liegt bei vielen Mischintoxikation vor. Ein langer Weg, an dem nicht nur die Konsumenten, sondern häufig auch die Familien zerbrechen.

Die Kriminalpolizei Weiden bestätigt fünf vermutlich drogenbedingte Todesfälle seit Jahresanfang. In allen Fällen stehen nach Auskunft von Leiter, Kriminaloberrat Thomas Bauer die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus.

Grobe Missverständnisse scheinen ausgeschlossen: Alle waren als Konsumenten bekannt. Vier Verstorbene hatten beim Auffinden noch die Spritze in der Hand oder im Arm. Die Polizei fand zudem entsprechende Utensilien im Raum.

Der erste Drogentote dieses Jahres war ein 45-jähriger Weidener, der am Montag, 18. Januar , in seiner Wohnung in Weiden tot aufgefunden wurde. Nach aktuellem Ermittlungsstand hatte er vor seinem Tod ein gebrauchtes Fentanyl-Pflaster ausgekocht .

Am Mittwoch, 20. Januar, wurde in ihrer Wohnung in der Weidener Altstadt eine 41-jährige Weidenerin gefunden, die seit Jahren suchtkrank war. Auch Crystal spielte im Konsumverhalten der mehrfachen Mutter eine Rolle. In ihrem Fall konnte die Kripo anfangs aufgrund von Kopfverletzungen ein Tötungsdelikt nicht ausschließen. Die Obduktion ergab aber keine Fremdeinwirkung. Die Frau war vornüber gekippt und hatte sich angeschlagen. Das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung steht noch aus.

In Altenstadt/WN verstarb letzten Donnerstag, 3. März , ein 33-jähriger Mann, ebenfalls Langzeitkonsument. Auch in diesem Fall wurden eine Spritze und Reste eines Fentanyl-Pflasters sichergestellt.

Am gleichen Tag, 3. März , kam ein Pärchen in einer Wohnung in Tirschenreuth ums Leben. Nach ersten Erkenntnissen haben sich die beiden jungen Leute bewusst eine Überdosis gespritzt. Vermutlich handelte es sich um Heroin. Allerdings steht auch in diesem Fall die Bestätigung durch die Rechtsmedizin noch aus. Die Frau (20) stammt aus Selb, ihr 33-jähriger Freund aus dem Raum Schwandorf.

Fünf Drogentote seit Neujahr bedeuten einen starken Kontrast zum letzten Jahr. 2015 starb in Weiden ein einziger Langzeitkonsument (40) an seiner Sucht. 2014 registrierte die Kripo Weiden drei drogenbedingte Tote, mindestens zwei Mal infolge von Fentanyl-Missbrauch.

Letzter Ausweg: Fentanyl


Fentanyl ist ein Wirkstoff in starken Schmerzpflastern, wie sie Tumor-Patienten verabreicht werden. Drogenabhängige kochen die Reste des Opioids aus, um ihre Sucht zu stillen. Fentanyl gilt nach Auskunft von Kripochef Bauer als letzter Ausweg, wenn für Alternativen kein Geld mehr da ist. Bauer spricht von einem tückischen Drogenersatz: Der Wirkstoffgehalt sei nicht kalkulierbar. Die Bezugsquellen sind nicht bekannt. Häufig werden die Pflaster regulär verschrieben. Der Kripochef schließt nicht aus, dass Pflaster unachtsam weggeworfen wurden und Abhängige den Abfall von Praxen durchsuchen.

Alle Verstorbenen hatten es in ihren "Drogenkarrieren" mit mehreren Substanzen zu tun. "Der Einstieg erfolgt in der Regel mit Crystal oder Marihuana. Je nachdem, was leicht verfügbar ist", sagt Bauer. Irgendwann "reicht Crystal nicht mehr". Härtere Drogen wie Heroin, Kokain, Fentanyl kommen ins Spiel. "Daran zerbrechen nicht nur die Konsumenten, sondern auch deren Familien", bedauert Bauer. Umso wichtiger ist ihm frühzeitige professionelle Hilfe, wie sie bei den Suchtberatungsstellen oder über die Präventionsinitiative "Need NO Speed" geboten werde.

Bestätigt ist inzwischen auch ein Dopingtoter aus dem Jahr 2015. Im Herbst starb ein 29-Jähriger im Altlandkreis Eschenbach. Die Rechtsmedizin nennt illegale Dopingsubstanzen als Todesursache.

Am Ende liegt bei vielen Mischintoxikation vor. Ein langer Weg, an dem nicht nur die Konsumenten, sondern häufig auch die Familien zerbrechen.Thomas Bauer, Kriminalpolizei

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