Kuriose Weihnachtsfeier in Rothenstadt
Treffen sich eine Soldatenkameradschaft, ein Stadtrat und ein Stripper

Rothenstadt. Der Pfarrer hat nichts gesehen. Sogar mit voller Absicht nicht. "Ich hab mir gedacht, ich lass mich da jetzt nicht ablenken. Ich hab bewusst nicht hingeschaut." Gut, ein paar Bewegungen waren da schon zu erahnen, sagt Heribert Englhard noch, der katholische Geistliche von Rothenstadt. Aber er habe "nichts Unbekleidetes" ausgemacht. Kein Adamskostüm. Er wollte sich ja auf das besinnliche Zusammensein der Soldatenkameradschaft Rothenstadt 1883 konzentrieren. Ein gut gebauter männlicher Stripper lenkt da wirklich nur ab.

So viel Selbstdisziplin in Ehren. Jeder brachte sie aber nicht auf bei der traditionsreichen Adventsfeier der ebenso traditionsreichen Kameradschaft im Gasthaus Hubertus. Schriftführer Lorenz Kiener zum Beispiel wagte dann doch einen genaueren Blick - und muss heute "noch schmunzeln", wie er sagt.

Eigentlich hätte die Feier wie immer laufen sollen. Ohne große Bescherung - ausgepackt wird bei den meisten ja erst am 24. Dafür aber würdevoll und besinnlich. Die Kameradschaft hatte sich dazu neben dem Pfarrer eine Veeh-Harfen-Gruppe geladen. Außerdem Stadträte, die ein paar freundliche Worte sprechen sollten.

Es war dann auch der Moment, als einer davon, der SPD-Rat Roland Richter, zu seiner Ansprache ansetzte. Er wollte der Kameradschaft Danke sagen. Und daran erinnern, dass deutsche Soldaten im Einsatz sind. So weit kam er aber erst einmal nicht.

Im Nebenzimmer des Gasthofs war es zuvor schon recht laut und fröhlich zugegangen. Eine Damenrunde. Das war durch die Tür auszumachen, deren Glaseinsatz zwar nicht völlig durchsichtig ist. Aber doch das Entscheidende erkennen lässt.

Und so sahen viele auch den Grund, warum bei den Frauen plötzlich die blanke Freude ausbrach: Sie hatten einen Herrn als Ehrengast, der just während Richters Rede - nur mit Tanga bekleidet - nebenan seine Form des Grußworts übermittelte. Solchen Argumenten hat selbst der versierteste Stadtrat nichts entgegenzusetzen.

Richters Publikum jedenfalls war nicht mehr bei der Sache; mit Ausnahme von Englhard natürlich. Dem Rest half irgendwann Kiener, der eine Tischdecke organisierte und die Tür verhängte.

Dem Pfarrer zufolge ist die Feier dann noch angemessen besinnlich geworden. Diesseits der Tischdecke zumindest. Richter, der seine Rede schließlich doch zu Ende brachte, muss heute noch lachen. Zumal ihm jemand beim unterbrochenen ersten Akt seiner Ansprache ja aufgemuntert hat: "Er hat zu mir gesagt: ,Du bist Lehrer, du bist es gewohnt, dass dir niemand zuhört.'"

Und auch bei der honorigen Kameradschaft hatten einige ihren Spaß. Kiener jedenfalls kündigt an: "Wenn die nächstes Jahr wieder da sind, dann machen wir die Tür auf." Und wenn nicht, haben sie zumindest eine schöne Adventsgeschichte zu erzählen.
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