Landesgericht Weiden revidiert Strafmaß von Steffi D. für Kindstötung
Kindstötung: 2 Jahre weniger

Die Angeklagte Steffi D. und ihr Verteidiger Christoph Scharf sahen in der ersten Verhandlung strafmildernde Umstände zu wenig ins Urteil eingeflossen - und bekamen Recht. Bild: Wilck

Neue Strafe für Steffi D.: Die zweite Schwurgerichtskammer des Landgerichts Weiden revidiert die Freiheitsstrafe wegen der Tötung ihres Neugeborenen. Statt sechs Jahre muss die 22-Jährige nun vier Jahre und drei Monate hinter Gitter.

Weiden/ Neustadt/WN. Im Dezember 2015 wurde die Angeklagte zu sechs Jahren Haft wegen des minderschweren Falls der Tötung ihres Neugeborenen verurteilt. Es ist einer der wenigen Fällen, die das Landgericht Weiden vom Bundesgerichtshof (BGH) zurück überwiesen bekam.

Zeugen und Sachverständige sind für die erneute Verhandlung nicht geladen. Den Vorsitz des neuen Schwurgerichts übernahm der Vizepräsident des Landgerichts, Georg Grüner.

Die erneute Beweisaufnahme war schnell abgeschlossen: Das Gericht fragte nach den persönlichen Verhältnissen der nun seit einem Jahr Inhaftierten. Das Verhältnis zu ihrem Vater habe sich gebessert. In einer freiwilligen Therapie in der Justizvollzugsanstalt Regensburg versuche sie, ihre Ängste und ihr Verdrängungsverhalten in den Griff zu bekommen. Ihre Kinder sehe die junge Mutter alle zwei Wochen. Sie denken, sie würden ihre Mutter in einem "besonderen Krankenhaus" besuchen. Kümmert sich der Kindsvater um die Söhne? "Das kann er nicht, er sitzt auch im Gefängnis", antwortete die junge Mutter.

Der Knackpunkt der Verhandlung war das psychiatrische Gutachten des Regensburger Professors Dr. Michael Osterheider. Er bescheinigte Steffi D. aufgrund vielfältiger Belastungen eine fehlende Perspektive. Sie habe auf den Arzt einen gefühlsarmen Eindruck gemacht. Die damals 21-Jährige neige zur Bagatellisierung und Impulsivität, sie hätte den Hang, Verantwortung abgeben zu wollen. Trotzdem sei sie voll schuldfähig gewesen. Die Verdrängungssymptomatik seiner Mandantin versuchte Verteidiger Christoph Scharf mit in die Beweislage als strafmildernd einfließen zu lassen. "Es wurde im ersten Urteil nicht gebührend berücksichtigt", verdeutlichte er.

Tränen in den Augen


Oberstaatsanwalt Rainer Lehner forderte fünf Jahre und drei Monate. Der Verteidiger plädierte auf drei Jahre. "Es sind keine schuldverschärfenden Gründe zu finden", betonte Scharf. "Ich weiß, es wird nie richtig sein, was ich getan habe. Egal wie meine Vorgeschichte ist, es war mein Kind. Ich bereue es zutiefst", erklärte Steffi D. mit gebrochener Stimme und Tränen in den Augen.

Um 12.45 Uhr sprach Vorsitzender Grüner das Urteil: Vier Jahre und drei Monate. Bei der Verkündung wirkte die Angeklagte wieder abgeklärt und unbeeindruckt.

Das Gericht ließ sich von den Gesichtspunkten leiten, dass sich neue Erkenntnisse zugunsten der Angeklagten aufgetan haben. "Wir erkennen bei ihr Reue und Schuldeinschicht", wies Grüner auf das unvollständige Geständnis während der ersten Verhandlung hin. Das Gericht war der Auffassung, dass die heute 22-Jährige die Tat nicht geplant, sondern spontan und impulsiv ausübte. Aus Sicht der Angeklagten war ihre Lage ausweglos. Das Schwurgericht relativierte, die junge Mutter hätte sich selbst in diese Situation manövriert. "Eine objektive Grundlage ist weit und breit nicht gegeben", kommentierte der Landgerichtsvizepräsident.

Totschlag bleibt


"Wir können nicht an die unterste Grenze des Strafrahmens gehen", erläuterte Grüner das Urteil. "Ja, die Angeklagte war zum Tatzeitpunkt erst 21 Jahre alt. Allerdings hatte sie bis dato schon zwei Kinder und eine Abtreibung. Diese Tatsache relativiert die Geburt als 'Ausnahmezustand'." Das Landgericht will die Tatsache, dass die beiden Kinder der Angeklagten ohne Mutter aufwachsen nicht zu hoch werten, denn Steffi D. war berufstätig und dennoch wurden ihre Kinder umsorgt.

An dem Urteil zum minderschweren Fall von Totschlag ändere sich nichts. "Steffi D. hat ihr neugeborenes Mädchen unmittelbar nach der Geburt willentlich erstickt." Im Mittelpunkt der Verhandlung stehe ein hilfloses Opfer, ein Baby. Die Mutter sei ihrer Pflicht der Obhut nicht nachgekommen. "Wir können die Augen nicht vor der Tatsache eines toten Säuglings verschließen", schloss Grüner die Verhandlung. (Seite 6)

Das kann er nicht, er sitzt auch im Gefängnis.Steffi D. auf die Frage, ob sich der Vater um die beiden älteren Kinder kümmert


Ich weiß, es wird nie richtig sein, was ich getan habe. Egal wie meine Vorgeschichte ist, es war mein Kind. Ich bereue es zutiefst.Steffi D.


Neue Bewertung: "Nicht mehr und nicht weniger"Steffi D. hatte am 25. April 2015 ihr Neugeborenes auf der Kundentoilette eines Neustädter Supermarkts erstickt und in den Müll geworfen. Das Landgericht Weiden hatte sie im Dezember in erster Instanz zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil jedoch wieder auf.

Knapp 20 Zuhörer saßen bei der Neu-Verhandlung im großen Gerichtssaal. In der letzten Reihe waren die Familienangehörigen der Angeklagten zugegen. Mit einer Verzögerung von 20 Minuten begann die Verhandlung über das neue Strafmaß.

Walter Leupold, Präsident des Landgerichts Weiden, der den Vorsitz in der ersten Strafkammer innehatte, kommentierte: "Wir haben uns Mühe gegeben, den Fall umfangreich aufzuklären und uns im Urteil für ein Strafmaß entschieden." Der Bundesgerichtshof gab jedoch dem Einspruch von Verteidiger Christoph Scharf Recht. Strafmildernde Gründe seien nicht ausreichend in das Urteil eingeflossen. Landgerichtsvizepräsident Georg Grüner verlas die Vorgeschichte, den Tathergang und das psychiatrische Gutachten über die Schuldfähigkeit der jungen, zweifachen Mutter. Der Vorsitzende des Schwurgerichts wies vor der Beweisaufnahme darauf hin, dass die Strafzumessungsgründe - strafmildernde und strafverschärfende - bestehen bleiben. Diese seien nicht von der Aufhebung betroffen.

Bei der neuen Verhandlung werde die Situation neu bewertet und abgewägt. "Nicht mehr und nicht weniger", beugte Grüner Missverständnissen vor. (szl)
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