Landgericht Weiden: Totschlagsprozess gegen 34-jährigen Oliver H. begonnen
Angeklagter schiebt Schuld auf die Mutter

Prozess Totschlag (Foto: gsb)
 
Prozess Totschlag (Foto: gsb)

Der Angeklagte schiebt die Schuld auf die Mutter des Opfers. Es stimme zwar, dass er den Nachbarsbuben „konsequent erzogen“ habe. Mit Ohrfeigen, in der Ecke stehen und Strafarbeiten. Aber: Die tödlichen Schläge in der Tatnacht stammten nicht von ihm. „Sie hat die Beherrschung verloren."

Seit Dienstag versucht die 1. Große Strafkammer, Licht in die letzten Wochen im Leben des neunjährigen Maximilian K. aus Vohenstrauß zu bringen. Der Bub starb am 5. August 2014 an schweren Kopfverletzungen. Die Staatsanwaltschaft macht für seinen Tod den Nachbarn (34) verantwortlich. Staatsanwalt Rainer Lehner wirft ihm Totschlag vor. Darauf stehen 5 bis 15 Jahre.

Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit abgelehnt


Der Angeklagte ist hochgewachsen, trägt Sakko und Jeans, militärisch kurzes Haar. Das Blitzlichtgewitter erträgt der gebürtige Sachsen-Anhalter selbstbewusst. Sein Berliner Anwalt Ulrich Dost-Roxin droht den Fotografen mit Konsequenzen, sollte der Mandant zu erkennen sein: „Balken – sonst Unterlassungsklage.“ Der erste Antrag vom Ku’damm liegt vor, ehe überhaupt die Anklage verlesen ist. Dost-Roxin fordert den Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wird abgelehnt. Am Ende hören die gut 50 Zuhörer die 38-seitige Erklärung des Angeklagten, verlesen vom Anwalt.

Der zuckerkranke Frührentner schildert darin die Vorgeschichte. Demnach hatten sich die beiden Alleinerziehenden bei einer Kur angefreundet. Beide Söhne litten an der Hyperaktivitätsstörung. Vom Umzug nach Vohenstrauß in Nachbarwohnungen habe sich die Frau aus Oberbayern Unterstützung erhofft. „Sie war erzieherisch hilflos den Attacken von Maximilian ausgeliefert und nicht in der Lage, ihn zu bändigen.“

Sich selbst gewürgt


Das übernahm dann er, als die kranke Mutter zur Reha abreiste. Dutzende Male am Tag habe das Kind „schreiend und weinend“ gebettelt: „Hole Mama zurück.“ Um dieser Forderung Nachruck zu verleihen, habe Maximilian mit dem Kopf auf den Boden geschlagen, sich selbst gewürgt und künstlich erbrochen. Bis „er bemerkte, dass er seinen Willen gegen mich nicht durchsetzen kann“. O-Ton des Angeklagten. Der Angeklagte führt das auf seine „Konsequenz, die auf Strenge und Strafe beruhte“ zurück.

Lehners Vorwürfe räumt der Angeklagte weitgehend ein, weil er weiß, was die Vohenstraußer Zeugen über ihn sagen werden. Ja, Maximilian habe in der Ecke stehen müssen. Bis zu einer Stunde lang. „Eine von mir im Ausnahmefall angewandte Strafmaßnahme auf sein querulantisches Verhalten.“ Beim Essen habe das Kind einmal zusehen müssen, weil es seinen Teller tags zuvor nicht leer gegessen hatte. Auch schriftliche Strafarbeiten habe es gegeben, maximal eine halbe Stunde, bis zu zwei, drei Mal am Tag. „Gelegentlich“ habe er das Kind „abgewatscht“. Aber die Hämatome stammten vom Skateboarden, Radfahren und spielerischen Stock-Kämpfen mit seinem Sohn.

Angeklagter stellt Tatabend anders dar


Den Tatabend stellt der 34-Jährige dann grundlegend anders dar als der Staatsanwalt. Als die Mutter von der Reha zurückkehrte, sei ihr das Kind auf der Nase herumgetanzt. „Sie war nervlich am Ende.“ Beim Rauchen auf dem Hof habe er Maximilian „entsetzlich“ schreien hören, dazu dumpfe Geräusche. Im Bad sei er dazu gestoßen, als die Mutter den Sohn heiß abgeduscht habe und mit dem Duschkopf schlug. „Stärkere Schläge auf den Kopf.“ Mit dem Duschkopf habe er der Frau selbst einen Hieb verpasst, um sie zu bremsen.

Warum er mit dieser Version des Tathergangs erst jetzt daherkommt? „Ich bin vorbestraft, habe nicht den besten Ruf“, begründet der 34-Jährige. Mit der Anklage sei genau das eingetreten, was er befürchtet hatte.

Gericht hat viele Fragen


Das Gericht hat viele Fragen, die an den folgenden acht Prozesstagen beantwortet werden sollen. Richter Markus Fillinger ist schleierhaft, wie ein ADHS-Kind anstandslos eine halbe Stunde in der Ecke stehen bleibe. „Ich habe selbst ein Kind in dem Alter. Das müsste ich festbinden.“ Noch viel rätselhafter ist den Richtern, warum das Kind – „nass, kalt und verzweifelt“ – sein Erbrochenes mit bloßen Händen selbst wegwischen musste. Vorsitzender Richter Walter Leupold hakt nach: „Sie sagen: Du hast erbrochen, dann musst’ es auch wegwischen?“ Der Angeklagte sagt laut: „Ja. Genau.“

Die ersten Zeugen werden gehört. Der Polizei hatte keiner der beiden etwas von Schlägen erzählt, man sprach von einem Dusch-Unfall. Als Notfallseelsorger war ein Pfarrer vor Ort, der die Zugezogenen aus den Wochen davor kannte. Die Buben beschreibt er als wilde Racker. Die Frau machte auf ihn einen „sanften, mütterlichen“ Eindruck: „Sie war froh, wenn’s dem kleinen Kerl gut ging.“ Der Angeklagte habe einen „schärferen Ton“ an den Tag gelegt, was der Pfarrer „nicht bewerten“ wollte. Die Mutter wird Mittwoch angehört.

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