Leserbrief
Ein Lanze für das Gymnasium



Zum Artikel "Etwas zu kurz gedacht" in unserer Ausgabe vom 22. Februar schreibt ein Studiendirektor i. R. Er will zum Übertritt ans Gymnasium ermuntern.

Da zog der Kommentator am Ende seines Beitrags nach meiner Meinung zu schnell seinen Schluss. Er meint, Eltern vor einem schlechten Abitur oder einem abgebrochenen Studium warnen zu müssen - und verunsichert damit. Und das gerade in Zeiten, in denen sich in vielen Familien das Übertrittsverhalten an weiterführende Schulen zurechtruckelt. Wenigstens erwähnen könnte man doch, dass man bei einem Kind mit seinen 9½ Jahren dessen Abiturdurchschnitt eher nicht prognostizieren kann. Und auch seine Übertrittsnoten geben nichts dafür her.

Weil manchen Kindern und Familien in dieser Situation eher Mut gemacht werden sollte, mögen die folgenden Fakten die Diskussion bereichern: Kein Geheimnis dürfte sein, dass manche Studiengänge und Berufe ausschließlich mit dem allgemeinen Abitur erreichbar sind, auch mit einem weniger guten. Und unbestritten ist wohl die stete Tendenz zur Akademisierung der Berufswelt, vor allem im zukunftsträchtigen Gesundheitswesen. Leider findet man in der Berichterstattung über Ausbildungen und Ausbildungsmessen die folgenden nicht unwichtigen Zahlen nirgends. Sie stammen aus dem Jahr 2014. Übertritte ans Gymnasium aus der 4. Klasse: München Land 61,4 Prozent; München, 54,5, Starnberg 56,6, Regensburg 45,1, WEN 39,4, Kreis NEW 36,7, SAD 31,0, AS 30,1, TIR 27,4 (Quelle: Institut für Schulqualität und Bildungsforschung, München, unter: www.isb.bayern.de).

Wer jetzt antwortet, es gäbe ja noch andere Möglichkeiten, zu einem Abitur zu kommen, hat ja meine Zustimmung. Er muss aber dann fairerweise auch dort von schlechten Schnitten und Abbrecherquoten sprechen.

Fazit: Der differenzierte Blick auf die Regionen Bayerns würde unseren Kindern und ihren Begabungspotenzialen helfen. Dass in der nördlichen Oberpfalz anteilsmäßig nicht einmal die Hälfte der Viertklässler den gymnasialen Weg zum Abitur einschlägt wäre eine eigene Betrachtung wert. Wer mag im öffentlichen Konzert die Lobby spielen für die andere Hälfte unserer Kinder - anteilsmäßig? Firmen und Betriebe, die junge Leute suchen, spielen sehr laute Instrumente. Das ist in Ordnung. Aber falsch ist es, wie das auch von Seiten der Politik mitunter kommt, in unserer Region von einem "Akademisierungswahn" zu sprechen. Man möchte mit solchen Tönen doch mutig in andere Regionen Bayerns gehen.

Vielen jungen Leuten aus unserer Region eröffnen sich erst mit dem Abitur viele Chancen. Dass es auch ohne Abitur "manchen Schlüssel zum Besseren leben" gibt, wie im Kommentar erwähnt, bleibt unbestritten. Und ebenso, dass Handwerk und Dienstleistungsbetriebe Fachkräfte brauchen. Sie aus dem Reservoir möglicher Akademiker abschöpfen zu wollen, ist weder volkswirtschaftlich sinnvoll, noch wird man den Fähigkeiten und Möglichkeiten des Einzelnen gerecht. Gut, wenn sich bei der zentralen Veranstaltung am Tag der Ausbildung dann doch der Blick auf andere (noch) nicht ausgeschöpfte Potenziale richtete, unter anderem auf junge Flüchtlinge oder auf die begrüßenswerten Maßnahmen von "Wirtschaft inklusiv".

Friedrich Wölfl, Studiendirektor i.R., Pechbrunn

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