Leserbrief
Jetzt fehlt nur noch ein Leitsystem für Handy- und High-Heels-Nutzer

Zum Artikel "Die Eckpunkte sind gesetzt", der sich mit der weiteren Entwicklung in der Innenstadt auseinandersetzt:

Im Detail ging es bei den Ortsterminen der CSU-Stadtratsfraktion um die künftige barrierefreie Begehung der historischen, mit Granit-Pflastersteinen gestalteten Innenstadt. Ohne Stolperkanten. Die Begründungen dafür muten weit an den Haaren herbeigezogen an - liegen aber politisch im Trend der Zeit.

Für Rollstuhlfahrer, Rollatornutzer und High-Heels-Trägerinnen soll das Erschließen der historischen Innenstadt genauso fußgängerfreundlich und bequem ermöglicht werden wie der überwiegenden Masse der Latschen- und Turnschuhträger. Natürlich auch blindengerecht soll mit neuer Belagsakustik eine neue Erlebnisepoche eingeleitet werden - ein Altstadt-Flair der Zukunft. Was sagen die Denkmalschützer dazu, die mit ihren Auflagen verhindern, dass Wohnraum mit Parkmöglichkeiten in Altbauten in der Innenstadt nach zeitgemäßer Lebensweise - Beispiel Obere Nabburger Straße - wiederbelebt wird?

Ich reiste nach der Wende viel in historische Altstädte in den neuen Bundesländern. Dort war das Granit-Kopfsteinpflaster während der sozialistischen Kulturepoche herausgerissen worden und durch problemlos befahrbare Kunststeinplatten aus Beton ersetzt worden - ein beispielloser Stilbruch in der Gestaltung historischer Innenstädte. Übrigens: Gegen West-Devisen verkaufte der sozialistische Staat das herausgerissene Kopfsteinpflaster waggonweise an Städte Westdeutschlands zur historisch stilechten Sanierung der im Krieg zerstörten Innenstädte. Paradox: In Amberg entstehen in einst verpönter und kritisierter, ostdeutscher Plattenbauweise fast wochenweise Rohbauten - die man wie die ehemalige Bundeswehrfachschule am Milchhof auch in wenigen Wochen schleifen kann.

Nun soll nach historisch-sozialistischem Vorbild die mittelalterliche Innenstadt mit Steinen im naturnahen Kunststein-Konzept (verdeutlicht: künstliche Designer-Steine aus Beton) versiegelt werden - natürlich wiederum designed, aber flüsternd befahrbar und reinigungsfreundlich. Ich empfehle dem Stadtrat eine Begehung der mit Platten gestalteten Fußgängerzonen in Nürnberg, die mit ausgespuckten, eingetretenen und inzwischen schwarz verschmutzten Kaugummis dekoriert sind. Dieses Bild der Moderne wird nicht zur historischen Innenstadt Ambergs passen und bei der Stadtreinigung zu einem unlösbaren Problem führen.

Aus meiner Sicht haben die Stadträte durchaus logische Argumente für die Erneuerung der Begehbarkeit der Innenstadt gewählt und zielführend untermauert mit der Integrierbarkeit von Blinden-Leitsystemen. Wo doch zunächst dringend ein funktionierendes Parkleitsystem für die Masse von Pkw-Nutzern erforderlicher als ein Leitsystem für Blinde wäre, die auf mögliche soziale städtische Betreuung zurückgreifen könnten.

Vergessen wurde bei der Planung von Leitsystemen im neuen naturnahen Kunststein-Konzept aus Beton- Steinpflaster ein Leitsystem für Handy-Nutzer, die ungeachtet des historischen Altstadtflairs gesenkten Blickes auf wenige Zoll kleine Bildschirme starrend auf den Gehwegen Menschen behindern. Es gibt bereits Städte, die dem notwendigen Zeitgeist der Informationstechnik entsprechend integrierte LED-beleuchteten Leitsysteme auf Gehpfaden für die inzwischen in Massen sich laufend bewegenden Nutzer zu deren Schutz von Leib und Seele installieren.

Die Minderheiten von Behinderten, Blinden, High-Heels-Trägerinnen, Rollstuhlfahrern und Rollatornutzern muss man politisch nicht zur Begründung gewünschter Sanierungsmaßnahmen von Verkehrswegen in der Altstadt instrumentalisieren, wie es in der letzten Zeit allgemein verstärkt zu beobachten ist. Die Mengen von Kaugummispuckern, Handy- und Pkw-Nutzern sind um ein Vielfaches größer und sollten richtungsweisend Berücksichtigungen bei Neuplanungen finden. Ambergs Innenstadt könnte man weitgehend verkehrsfrei halten, wodurch sich kostenintensive Flüsterbeläge auf Verkehrswegen erübrigen. Stolperkanten kann man überall beseitigen, eine Stadt stolperfrei zu machen ist ein Ziel. Dafür sein Altstadt-Flair zu opfern ist eine Sünde.

Peter Bornholdt, Amberg

Zur Berichterstattung über die Firma Königseder und den Stellplatznachweis in der Innenstadt:

Wie flexibel die Stadt auf die Wünsche einzelner ausgewählter Familien eingeht, zeigt das Beispiel der Brüder Königseder, Inhaber der Firma KBK: Anlässlich der Umwandlung ihrer Modefiliale am Marktplatz in einen Gastronomiebetrieb wird eine Stellplatzabgabe von 72 000 Euro fällig, die der Familie Königseder zu teuer ist.

Glücklicherweise ist Oberbürgermeister Michael Cerny voller Tatendrang sofort bereit, dem Clan entgegenzukommen (AZ vom 1. Juli). Die Sache hat System. Als die Familie Königseder vor Jahren das Haus am Marktplatz umbauen ließ und sich an den kleinlichen Vorschriften des Denkmalschutzes störte, genehmigte die Stadt - ausnahmsweise - eine Stahl- und Glaskonstruktion im ersten Stock, die die barocke Fassade dauerhaft entstellte.

Gleiches Recht für alle? In Amberg gilt das sicher nicht, wie das Beispiel Königseder zeigt. In einer Bananenrepublik geht es auch nicht anders zu.

Susanne Witt, Amberg

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