Leserbrief
Niedergelassene Ärzte als selbstständige Unternehmer: Zwang zum wirtschaftlichen Handeln

Wegen der längeren Wartezeiten für Kassenpatienten wandte sich ein Chirurg an die Initiatorin der Untersuchung, die Bundestagsabgeordnete Doris Wagner (Bündnis 90/Die Grünen):

Ich bin niedergelassener Chirurg in Sulzbach-Rosenberg, Vorstandsmitglied des Ärztlichen Kreisverbands Amberg-Sulzbach und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Niedergelassener Chirurgen der Oberpfalz. Als Kreisrat und Verwaltungsrat des hiesigen Krankenhauses kümmere ich mich auch um die stationäre Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Ihre Studie zu unterschiedlichen Wartezeiten auf Facharzttermine für Versicherte der GKV und der PKV hat ... für erhebliches Aufsehen gesorgt. Offenbar bestehen aber erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Facharztgruppen und auch regional.

1. Niedergelassene Ärzte sind selbstständige Unternehmer, die gezwungen sind, wirtschaftlich zu handeln. Würden Sie das nicht tun, hätten ihre Praxen keinen Bestand.

2. Wir haben in Deutschland zwei Versicherungssysteme im Gesundheitswesen. Wenn das eine System (PKV) für - medizinisch gesehen - die gleiche Leistung einen 2,5-fach höheren Preis bezahlt als das andere System (GKV), dann handelt jeder Arztunternehmer irrational, wenn er nicht versucht, möglichst viele PKV-Versicherte zu behandeln.

3. Diesem logischen, systemimmanenten Streben sind aber Grenzen gesetzt, weil - mit geringen regionalen Abweichungen - einfach nicht mehr als 10 Prozent der Bevölkerung privat versichert sind.

4. Dennoch zeichnen diese 10 Prozent für 25 Prozent des Umsatzes der Praxen verantwortlich.

5. Ein Privatversicherter kann aus sachlichen und ethischen Gründen keine andere Leistung erhalten als ein Versicherter der gesetzlichen Krankenkassen. Was können Ärzte dem Privatversicherten für seinen höheren finanziellen Einsatz anderes bieten, als ihm zeitlich entgegenzukommen?

6. Wäre es nicht vielmehr unseriös, ihm für den höheren Preis überhaupt keinen Mehrwert zu bieten?

7. Vergessen wird bei dieser Diskussion auch, dass sehr oft sowohl der Arzt, also auch seine Mitarbeiterinnen Überstunden in Kauf nehmen, um bei vollem Terminkalender einen Privatpatienten einzuschieben. Jeglicher zusätzliche Aufwand aber kostet.

8. Es ist nicht so, dass selbstständige Ärzte zeitliche Vakanzen haben, die sie für Privatpatienten freihalten. Jeder hat genug zu tun.

9. Vergessen wird, dass durch den einfachen und kostenlosen Zugang zum Facharzt in Deutschland und das mangelnde Kostenbewusstsein von Kassenpatienten (Chipkarteneffekt, Kassenpatienten können die Kosten, die sie verursachen, nicht erkennen), viele Termine durch Patienten besetzt werden, die nicht krank sind, sondern lediglich an sogenannten "Befindlichkeitsstörungen" leiden. Sehr viele Ressourcen werden durch solche Patienten verbraucht. Jeder Vertragsarzt kann ein Lied davon singen.

Das Problem liegt also hauptsächlich darin begründet, dass zwei Systeme existieren, und nicht darin, dass Ärzte "böse" oder "geldgierig" wären. Ärzte sind nicht, wie man bei der gern getätigten, periodisch auftretenden und wohlfeilen Ärzteschelte meinen könnte, "schlechtere Menschen". Sie handeln rational innerhalb der Systemlogik ihrer Branche.

Die Ergebnisse der Untersuchung bringen auch regionale Versorgungsunterschiede zum Ausdruck. Wie könnte es sonst zu erklären sein, dass die Wartezeiten auf einen Hautarzttermin in München sehr kurz und in der nördlichen Oberpfalz und in Oberfranken lang sind? Doch eindeutig deswegen, weil in München wesentlich mehr Hautärzte praktizieren: Ein weiteres Indiz dafür, dass die Problematik nicht einfach mit mangelndem Goodwill der Ärzteschaft zu erklären ist, sondern dass es sich um ein vielschichtiges Problem unseres Gesundheitswesens handelt.

Dr. Martin Pöllath, Chirurg und Ärztlicher Leiter MVZ 92237 Sulzbach-Rosenberg
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