Leserbrief
Was ist los mit dem humanistischen Europa?

Zum Programm der Partei "Alternative für Deutschland":

Die AfD ist gegen Minarette, Moscheen und den Islam, "der nicht zu Deutschland gehört". Die 2 Millionen Islam-Gläubigen aber sollen zu Deutschland gehören. Wie passt das zusammen? Es ist eine reine Hirngeburt radikaler Nationalisten mit wenig Wissen über die Vielfalt des Islam, seiner Werte und seiner inneren Konflikte zwischen Tradition, Moderne und Säkularisierung. Zuerst den Islam als grundgesetzwidrige Religion diffamieren und dann sich zur Nachhilfe in Sachen Islam von Islam-Vertretern einladen lassen: Man muss mit ihnen reden sagt jetzt die AfD-Führung, aber warum erst jetzt? Der Islam ist wie das Juden- und Christentum eine monotheistische Religion. Alle drei beten zu ihrem jeweils einzig richtigen Gott und berufen sich auf Abraham als Urvater. Also ist der Islam unser Religions-Verwandter, der sowohl von der AfD als auch von IS-Mördern und Attentätern für ihre Zwecke missbraucht wird.

AfD-Chef Meuthen will weg vom "rot-grün verseuchten 68er-Deutschland". Er will zurück zu Zeiten Adenauers, als die Bundeswehr und Waffenindustrie überwiegend von alten Wehrmachtsangehörigen aufgebaut, Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemanns arbeiten durften, Homosexuelle als 175-iger angeprangert und der Kalte Krieg die Außenpolitik und Entwicklungshilfe bestimmte. Schon damals war klar, dass trotz Aufklärungsschub nach 1968 ein national-egoistischer, völkisch denkender Bevölkerungsteil von etwa. 15 Prozent bestehen bleibt: aktuell gegen Fremde, EU, Euro, Griechenland, Flüchtlinge, Lügenpresse und Islam.

Die AfD kreiert Befürchtungen und schürt Ängste und verspricht gleichzeitig, sie zu beseitigen. Dabei geht es doch gar nicht um Islamisierung, Arbeitsplatzverlust, deutsche Identität und Wohlstand, sondern um die Frage, ob wir eine offene und freie Solidargemeinschaft bleiben wollen oder nicht. Vor Krieg, Terror, Armut und Elend Geflohene sind doch längst akzeptiert und ein erfolgreiches Konjunkturförderungsprogramm, auch wenn vereinzelt der Erregungszustand und Empörungs-Grad in reichen Wohngegenden steigt, weil Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nähe geplant sind.

Wir sind und waren schon immer multikulturell. Die AfD will mit ihrer Strategie "Vorwärts zurück in die Vergangenheit" das Rad der Geschichte zurückdrehen so wie Papst Benedikt die Beschlüsse des Konzils von 1965. Papst Franziskus aber fragt zu Recht: Was ist los mit dir, du humanistisches Europa mit deinen Menschenrechten, Demokratie, Freiheit, Brüderlichkeit und christlicher Nächstenliebe?

Karl Weis, 71088 Holzgerlingen
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