Leserbrief
Wenn die Jagd immer schwerer wird: "Das Problem liegt in den Köpfen der Menschen"

Zu "Die Rehe schießen sich halt immer schwerer" (AZ, 29. März):

In dem Artikel werden einige Probleme der Jagd(verpachtung) beschrieben, dabei wären die meisten davon recht einfach lösbar.

Junge Jäger wollen sich nicht mehr neun Jahre mit einer Verpachtung binden? Nun gut, dann setzen wir halt die Mindestpachtdauer auf drei Jahre herunter oder lassen sie ganz wegfallen. Der Politik ist das egal. Der BBV ist dafür offen, nur der Bayerische Jagdschutzverband (BJV) mauert.

Junge Jäger trauen sich die Verantwortung für so viel Fläche nicht (mehr) zu? Warum dann nicht die bayerische Mindestjagdreviergröße bei Gemeinschaftsjagdrevieren von 250 Hektar auf das im Bundesjagdgesetz vorgesehene Maß von 150 Hektar heruntersetzen? Da hat keiner was dagegen - außer dem BJV.

Die immer mehr abnehmende Tagesaktivität des Wildes wird beklagt? Kein Wunder: Die Tagaktiven werden erschossen, die vorsichtigen Rehe vererben ihr Verhalten an die Jungen weiter. Würde Nachtjagd mit Nachtzielgeräten (wie in vielen anderen Ländern Europas auch) erlaubt, würde das Wild auch wieder mehr am Tage sichtbar sein. Denn an der Heimlichkeit sind nicht wie in dem Artikel behauptet die "Freizeitler" schuld.

In jedem x-beliebigen Wildgatter haben die Tiere keine Scheu vor "Touristen aller Art" - übrigens auch nicht in den großen Nationalparks oder sonstigen großen Gebieten, wo die Jagd ruht (Berlin, ...) -, weil sie dort kaum "schlechte Erfahrungen" mit dem Menschen machen. Die einseitige (und für den Jäger sehr angenehme und leichte) Bejagung von Hochsitzen aus am Waldrand zur Morgen- und Abenddämmerung hat dies bewirkt. Eine Änderung hin zu anderen (für die Jäger schwierigeren und unbequemeren) Jagdarten würde viel helfen. Aber da müsste ja mancher Jäger umdenken.

Das Schwarzwildproblem greift um sich? In Nittenau während eines staatlichen Versuchs hatte man beste Erfahrungen mit Nachtzielgeräten gemacht - doch der BJV torpediert eine Freigabe vor und hinter den Kulissen, wo immer es geht.

Man sieht: Das Problem liegt nicht beim Mais oder dem Klimawandel oder den Jagdgenossen, sondern die Jäger stehen (ohne es zu merken) sich selber im Weg. Alles ändert sich: Die Landschaft, das Verhalten des Wildes, die Landwirtschaft - nur die Jäger stellen sich hin und sagen: "Ich will so bleiben, wie ich bin!" Das kann nicht funktionieren!

Herr Erras sagt: "Das A und O ist, dass Jagdgenossen und Revierinhaber vernünftig miteinander reden." Das ist die halbe Wahrheit. Es gehört dazu, dass man sich auch zuhört. Es gehört die Erkenntnis dazu, dass neue Situationen auch neue Verhaltensweisen, neue Jagdweisen, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten erfordern. Mit den Rezepten von gestern wird man die Probleme von heute nicht lösen können. Da ist mancher Jäger an der Basis schon viel weiter als die Verbandsspitze in München, die oft nur die eigenen Vorstellungen und Interessen vertritt, aber nicht (mehr) die ihrer Mitglieder.

Das Problem liegt nicht bei den Wildschweinen, den Rehen oder in der Natur, sondern in den Köpfen der Menschen - teils bei den Jägern, teils bei den Grundeigentümern. Man hat den Eindruck, Albert Einsteins berühmter Satz "Vorgefasste Meinungen sind schwerer zu zertrümmern als ein Atom", gelte hier besonders. Und doch ist dies der einzige erfolgversprechende Weg.

Herbert Hollweck, Leinhof

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