Leserbrief zu "Babyfläschchen oder Feierabendbier"
Vater und Mutter ist man ein Leben lang

Oder hätte ich schreiben sollen von Vätern, deren Mütter alleinerziehend sind? Nein, denn alleinerziehend ist keine Mutter, wenn der Vater noch am Leben ist, sie ist getrennt erziehend. Als Alleinerziehende spricht man dem Vater automatisch das Recht zu, sich komplett aus der Erziehung heraus zu halten, was aber nicht im Sinne des so modernen Männerbildes sein kann. Väter tragen ihre Babys in Tragetüchern, gehen in Krabbelgruppen, engagieren sich im Elternbeirat, nehmen Elternzeit und kaum sind die Eltern getrennt, haben sie in der Erziehung nichts mehr verloren?

Leider ist genau dies Alltag in Deutschland. Die meisten Kinder getrennt lebender Eltern haben ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter. Weil die Mutter bisher schon zu Hause bei den Kindern war, weil die Mutter meistens weniger arbeitet und demzufolge weniger verdient als der Vater, weil die Väter sich darauf berufen, die Kinderbetreuung nicht leisten zu können, weil sie Vollzeit arbeiten müssen, nicht zuletzt um den Unterhalt bezahlen können und weil die Mütter sich all dies gefallen lassen. Die Väter sehen ihre Kinder in der Regel jedes zweite Wochenende. Ich frage mich, ob dieses veraltete Modell noch zeitgemäß und im Sinne des Vaters, der Mutter und der Kinder ist. In anderen Ländern wie Belgien, Frankreich, Norwegen, USA, Kanada oder Australien ist das Wechselmodell gesetzlich vorgeschrieben.

Für ein Kind bedeutet die Trennung der Eltern zunächst immer einen enormen Einschnitt in sein Leben. Was passiert also, wenn sich der Vater jetzt nur alle zwei Wochen für ein bis drei Tage Zeit für das Kind nimmt? Es fühlt sich nicht wertgeschätzt und abgelehnt. Noch schlimmer ist es, wenn der Vater nach einer Trennung zunächst viel Engagement zeigt, das Kind möglichst oft sehen will und dann - durch eine veränderte Lebenssituation, wie eine neue Partnerin - das Kind oft nicht sehen will. Ja, Kindererziehung ist stressig. Für Väter genauso wie für Mütter. Warum haben Väter mehr Recht, diesen Stress an die Mütter abzugeben als umgekehrt? Warum picken sich die Väter das stressfreie Wochenende heraus, an dem weniger Hausaufgaben zu erledigen sind, keine Sport-, Musikschule- oder Arzttermine sind? Frauen haben das gleiche Recht, arbeiten zu gehen, um ihren Lebensstandard halten zu können und in ihre Rente einzuzahlen wie Männer auch.

Was ist mit den Kindern, die ihren Vater wahnsinnig vermissen und der sich komplett zurückzieht, weil es ihm zu anstrengend ist? Haben diese Kinder nicht auch ein gesetzliches Recht darauf, ihren Vater wenigstens annähernd so oft zu sehen wie ihre Mutter? Leider fehlt den meisten Mütter im Alltag mit den Kindern oft die Kraft, sich gegen die Väter aufzulehnen. Partner kommen und gehen, aber Vater und Mutter ist man ein Leben lang und dieser Verantwortung sollte man sich bewusst sein!

Verena Dineiger, 92637 Letzau
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