Leserbrief zu "Milchpreis schwankt brutal" (AZ, 12. Dezember)
Die Molkerei ist immer fein raus, für die Bauern bleibt nur das Restgeld

Als Milchviehhalter könnte man der Vorstandschaft von Domspitzmilch eG und Bayernland eG durchaus Totalversagen, Unfähigkeit und Heuchelei bescheinigen, weil anscheinend in der Genossenschaft der Erhalt der eigenen Substanz wichtiger ist als das Erwirtschaften eines kostendeckenden Milchpreises für die Mitglieder, also uns Milchbauern. In der jüngsten Mitgliederversammlung kam das ganz deutlich zum Ausdruck.

Wir erleben schon seit geraumer Zeit hautnah, was EU und die Pseudoberufsvertretung der Bauern, sprich der Bauernverband, unter einer "sanften Landung" verstehen. Bezeichnend dafür ist, dass in der Führungsetage der Genossenschaften eine Personalunion besteht zwischen Molkerei und Bauernverband.

Der Aufruf, die Arbeit und das Leben besser zu strukturieren und mit weniger Einkommen mehr Lebensqualität zu erreichen, ist ein Schlag ins Gesicht aller Milchviehhalter, die 365 Tage im Jahr für ihre Tiere sorgen.

Wertschöpfungsverluste von immerhin mehr als 30 (!) Prozent fehlen auf den Betrieben, die nicht zur Verfügung stehen für das Tilgen von Verbindlichkeiten, Krediten. Nötige Investitionen können nicht mehr getätigt werden. Dabei denkt die Geschäftsführung vordergründig in erster Linie an Erhalt und Verbesserung der eigenen Substanz. Die Existenz der Bauern ist anscheinend nicht so wichtig. Schmerzfrei in alle Richtungen sagt man: "Das hat den Milchpreis belastet." Das ganze Risiko und den kompletten Preiseinbruch haben nur die Milchbauern zu verkraften.

Warum schafft es Bayernland mit Millionen an Geschäftseinlagen von den Genossenschaftsmitgliedern nur zu einer "vernünftigen deutschen Durchschnittsmolkerei"?

Sich auszuruhen auf dem jahrzehntelang eingefahrenen System "wachsen oder weichen", dem ständigen Streben nach immer mehr, sozusagen am Markt vorbei, an dem auch der "herrschende Verband" vehement festhält, fällt leicht, denn die Milch wird abgeholt, verarbeitet und verkauft. Die Marge für die Molkerei hat immer Vorrang vor dem Auszahlungspreis für die Genossenschaftsmitglieder. Die Molkerei berechnet ihre Vollkosten und der Rest ist für die Bauern, egal, welches Preisniveau dabei herauskommt.

Welche andere Branche als die Bauern stellt ihren Verarbeitern ihre Rohstoffe zur Verfügung und weiß erst sechs Wochen später, welcher Preis dafür ausbezahlt wird? Dabei bestimmt den Preis natürlich der Käufer, letztendlich der Handel, der die Produkte von der Molkerei erwirbt. Eigentlich müssten die Genossenschaften den Preis bestimmen. Heute dagegen sind die Genossenschaftsmitglieder nicht preisbestimmende Organe sondern Restgeldempfänger. Das Ziel, warum vor Jahrzehnten die Genossenschaften gegründet wurden ("alle für einen, einer für alle"), wird sozusagen heute geradezu mit Füßen getreten. Heute genießt einer, alle anderen werden Genossen, und die Pseudoberufsvertretung verheizt weiter uns Bauern.

Das Schlimmste daran ist, dass die Bauern es einfach schlucken und sagen "ja, is halt so". Oder frei nach Edmund Stoiber: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber."

Jürgen Pirner, Funkenreuth

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