Leserbrief zur religiöser Radikalisierung
Selbstkritische Diskussion innerhalb des Islams über seine Ausrichtung

"Religiöse Radikalisierung: Der Islam darf kein Vorwand sein":

Die Aufforderung zur gewalttätigen Auseinandersetzung mit Andersgläubigen - meist bezeichnet als Ungläubige - wird nicht etwa nur in den Koran hinein interpretiert, sondern ist dort in den zwar erst später eingefügten, aber dazugehörigen Suren immanent vorhanden. Wenn es nun Gruppen von Moslems gibt, die dieses Buch auch in seinen bizarren Ausläufern als Grundlage ihres Denkens und Handelns ansehen, dann stellen diese eine Gefahr für unsere Sicherheit dar.

Sie verachten unseren säkularen Staat mit seiner Verfassung, sie sind nicht integrierbar. Erfreulicherweise ist die große Mehrheit der Muslime von einer solchen Gedankenwelt weit entfernt. In der Hauptsache liegt dies wohl an der Begegnung mit unserer pluralistischen Lebenswelt, an einer grundsätzlichen Bereitschaft zu einer gewissen Assimilation und zu einem kritisch-rationalen Zugang zu den überlieferten Schriften des Islam, oder an einem unbekümmerten Eintauchen in die freie Konsum- und Wohlstandsgesellschaft. Für alle, die sich Moslems nennen, ist und bleibt natürlich der Koran weiterhin die tragende Säule ihres Glaubens.

Wenn im Namen des Korans Gewalttätigkeiten ausgeführt wurden, dann gibt es von den islamischen Verbänden, Imamen und Religionslehrern nur ein Bekunden des Bedauerns, aber gleichzeitig auch des Nichtbetroffenseins und der Nichtverantwortlichkeit. Alles sei eine Folge der missbräuchlichen Auslegung des Korans durch Hassprediger. Dringend erforderlich erscheint deshalb eine selbstkritische Diskussion innerhalb des Islams über seine Ausrichtung in einer säkularen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft, in der das Gewaltmonopol ausschließlich beim Staat liegt. Notwendig ist eine zuverlässige Kontrolle der Lehrinhalte des Koran-Unterrichts, wobei hier durch die undurchsichtige Organisations-, Vereins- und Finanzierungsstruktur die Sache erschwert wird.

Wer nur immer mit seinem Zeigefinger auf die rechte Szene verweist, macht es sich zu einfach. Wenig hilfreich erscheint mir übrigens, wenn sich unsere Medien, wie auch im "Neuen Tag" üblich, bei schlechten Nachrichten aus dem Islamistenmilieu regelmäßig dazu verpflichtet fühlen, den Leser über die Gesetze des einfachen Bruchrechnens aufzuklären und damit die Kleinheit der mitgeteilten Zahlen zu beweisen. Ob es da um das "kleine Häuflein der Attentäter" in Paris ging, um die "im Vergleich zu den Hunderttausenden anständigen Flüchtlingen nur geringe Zahl" der Unbeherrschten auf der Kölner Domplatte oder um die "verschwindend geringe Zahl" von potenziellen Terroristen, die sich in den Flüchtlingsstrom eingeschlichen haben: Stets glaubt man, durch solche Betrachtungen beruhigen zu können. Eine solche Denkweise ist aber nicht ungefährlich: Man entlässt damit das islamisch geprägte Umfeld dieser Leute aus seiner Verantwortung: Verwandte, Freunde, Lehrer, Prediger, Aufwiegler, heimliche Sympathisanten, Mitwisser. Dieser Kreis ist also wesentlich größer, als es die kleine Zahl der Täter suggeriert.

Dr. Benno Übelmesser, 92637 Weiden
Weitere Beiträge zu den Themen: Islam (53)Leserbriefe (393)Prediger (3)Hass (5)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.