Letzter Prozesstag: Strukturen des Schleusernetzwerks von Syrien nach Deutschland erklärt
Familienbande

Schleuserprozess. (Foto: ggö)

Das Schleusergeschäft ist Familiensache. Allein der Hauptangeklagte Abdulhakim Ö. hat 17 Geschwister, gegen 6 seiner Brüder laufen Verfahren. Seine Kultur gebiete ihm, den Anweisungen älterer Verwandter zu folgen. "Ich bin nicht der Kopf, das wissen Sie auch. Ich wurde als Kurier benutzt."

Am letzten Prozesstag gegen vier Mitglieder einer türkischen Schleuserorganisation wird am Montag noch einmal versucht, die Strukturen zu erklären. Alle vier sind Kurden, großteils verwandt. "Wir sind selbst Opfer des Krieges." Sie stammen aus der zerstörten türkisch-kurdischen Grenzstadt Nusaybin. Auf der anderen Seite liegt das syrisch-kurdische Kamischli, von wo die meisten der geschleusten Flüchtlinge aufbrachen. Die Grenze sei von Kolonialmächten willkürlich gezogen. Die Bewohner seien solidarisch.

"Die Köpfe sitzen in der Türkei und in Syrien", sagt Ö. Die Kunden bezahlten vor Ort an einen syrischen Clan, der das Geld bis zur Erfolgsmeldung der Türken aus Deutschland verwahrte. Während Abdulhakim Ö. für den Staatsanwalt dem "mittleren Management" des Schleusernetzwerks zuzurechnen ist, waren die anderen drei kaum mehr als einfache Fahrer. Sein Onkel (38) aus Nusaybin und ein Schneider (28) aus Istanbul fuhren die Lastwagen von Sofia bis Österreich. An ihren Trucks war je ein Tank für den Flüchtlingstransport präpapiert.

Der Schneider schildert seine damalige Geldnot: Er sei mit einer Syrerin verheiratet, deren vier Geschwister 2013 aufgrund des Kriegs bei ihm einzogen. Staatliche Hilfe gibt es nicht. Der Onkel sagt: "In der Heimat herrscht Chaos. Die Menschen leben teilweise auf der Straße. Ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu tun."

Arbeitsteilung


In Österreich übernahmen der Hauptangeklagte Abdulhakim Ö. und ein Bekannter die Passagiere. Diese beiden Männer leben und arbeiten seit Jahren in Deutschland und waren für die Organisation der letzten Etappe zuständig. Sie fuhren meist über Passau und verwendeten dafür den weißen BMW X6 von Abdulhakim Ö., ein 35 000-Euro-Auto. Verteidiger Dominic Kriegel nutzt das als Argument: "Mein Mandant wusste von den Tanks, aber unmittelbar erlebt hat er das nicht. Bei ihm stiegen putzmuntere Menschen in den SUV."

Man habe sich sehr bemüht, die Menschen nicht zu lange in den Tanks zu lassen, betont Anwalt Aybora Agkün. Grenzbeamte wurden bestochen, die Lkw nicht zu kontrollieren. Nach Zeugenaussagen mussten die Flüchtlinge jeweils für die Grenzübertritte entlang der Balkanroute in den Tanks verschwinden. Sie kauerten dort bis zu fünf, manche sagen acht Stunden am Stück. "Sie sind dort freiwillig immer wieder hinein."

Und: "Die Geschleusten sind letztendlich genau dort gelandet, wo sie hinwollten", argumentiert Verteidiger Dominic Kriegel. "Es ist ja auch in Ungarn keiner ausgestiegen, obwohl er da vor dem Krieg schon sicher gewesen wäre."

"Kinder von reichen Eltern"


Die so genannte Garantieschleusung kostete pro Person die branchenüblichen 7500 bis 10 000 Euro. Für Anwältin Gariban Arikan ist daher auch klar, dass die jungen Männer in den Tanks keine armen Schlucker sind: "So, wie ich diese Herrschaften hier erlebt habe, waren das alles Kinder von reichen Eltern." Die Aussage vom Hausverkauf für den Schleuserlohn glaube sie nicht. "Wer kauft denn ein Haus im Kriegsgebiet?" Ihre Kollegin Nazli Blal-Aydin merkt an, dass etliche der gehörten syrischen Zeugen in Deutschland bereits das Studium aufgenommen haben. "Da kommen nicht nur potenzielle Sozialhilfeempfänger."

Am Ende fordern alle Anwälte Strafen im unteren Bereich der im Deal vereinbarten Haftjahre. Tobias Konze: "Es war der falsche Weg. Aber die Gesinnung, die dahinter steht, ist nicht verwerflich." Das Gericht bleibt am Ende bei allen vier Männern im Strafmaß genau in der Mitte. (Seite 3)

In der Heimat herrscht Chaos. Die Menschen leben teilweise auf der Straße. Ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu tun.Angeklagter aus Nusaybin
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.