Mediziner verzeichnen in der Region Anstieg von Geschlechtskrankheiten
Schöne Nächte mit Folgen

Spaß? Aber sicher. In Sexualkundeprojekten lernen Schüler seit Jahren den Umgang mit Kondomen (unser Archivbild). Trotzdem verzichten offenbar immer noch viele Menschen darauf. Unter anderem deshalb verbreiten sich Geschlechtskrankheiten wieder häufiger. Das merken auch die Ärzte am Weidener Klinikum. Bild: dpa
 
Dr. Bernhard Schwindl. Bild: gsb

Syphilis klingt nach Mittelalter. Dabei taucht sie in jüngster Zeit in der Region wieder öfter auf. So wie andere Geschlechtskrankheiten auch.

Von Bakterien mögen die Menschen damals vielleicht noch nichts verstanden haben. Dafür hatte der Volksmund eine umso eingängigere Bezeichnung für diese Seuche, die im Mittelalter so lange so viel Leid verursachte: "Strafe Gottes" nannte man die Syphilis. Denn die Menschen hatten durchaus eine Ahnung, auf welchem Weg sie sich verbreitete. Syphilis war eine der "alten" Geschlechtskrankheiten schlechthin.

Wobei das mit dem Begriff "alt" so eine Sache ist. Dr. Bernhard Schwindl, Funktionsoberarzt an der Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie in Weiden, hatte die Krankheit "viele Jahren nicht mehr gesehen". In jüngster Zeit gebe es aber Berichte über eine Zunahme der Fälle. Wohlgemerkt: Von einem Grassieren kann noch lange nicht die Rede sein. Die Zahlen sind noch immer niedrig. Aber ein Anstieg ist deutlich.

Nicht nur in Großstädten


So vermeldet Dr. Thomas Holtmeier, Leiter des Gesundheitsamts Weiden-Neustadt, für vergangenes Jahr 32 Neuinfektionen in der Oberpfalz. 2014 waren es 39, 2013 gar 43. Zum Vergleich: 2001 gab es 19 Fälle, 2002 nur 8. Auffällig ist, dass die Zunahme, die vor allem seit 2011 deutlich ist, nicht nur Regensburg, sondern ebenso den Rest des Regierungsbezirks betrifft. Auch bayernweit stiegen die Zahlen stark. 159 Neuinfektionen im Jahr 2001 stehen 952 im Jahr 2015 gegenüber. Daten des Robert-Koch-Instituts legen nahe, dass überwiegend homosexuelle Männer betroffen sind. Aber natürlich gibt es auch Infektionen beim Verkehr zwischen Mann und Frau.

Gleichzeitig fügt sich diese Entwicklung in ein größeres Bild. Denn auch die Häufigkeit anderer Geschlechtskrankheiten - sexuell übertragbarer Infektionen, wie es korrekter heißt - "nimmt seit einigen Jahren zu", sagt der Schwindl. Weitere regionale Zahlen gibt zwar es nicht, schließlich sind nur Syphilis und HIV - anonymisiert - meldepflichtig. Die Erfahrung der Ärzte ist aber eindeutig. Und war für Schwindl ein Anlass, einen sexualmedizinisch-andrologischen Workshop zu organisieren, den ersten dieser Art in Weiden.

Scheu auf dem Land


Zusammen mit der Aids-Hilfe Berlin lud das Klinikum dazu Mediziner, aber auch Berater wie den Sozialpädagogen Martin Tröbs, der in Nürnberg mit HIV-Patienten arbeitet. Nach seiner Erfahrung tun sich Betroffene in Ballungsgebieten leichter, über die Infektion und die Vorgeschichte zu sprechen. In ländlichen Regionen wie der nördlichen Oberpfalz überwiegt dagegen oft die Angst vor Stigmatisierung (siehe Kasten). Für die Teilnehmer des Workshops gab es deshalb auch Tipps für die richtige Gesprächsführung.

Weltweiter Trend


Daneben beschäftigt die Mediziner in der Region auch die Zunahme von vielen weiteren Infekten. Am häufigsten stecken dahinter Gonokokken (Erreger von Tripper) oder zellwandlose Bakterien wie Chlamydien (inzwischen die verbreitetste bakterielle Geschlechtskrankheit überhaupt). Über die Gründe kann Schwindl nur spekulieren. Klar sei, dass es nicht nur vor Ort, sondern weltweit einen Anstieg gebe. Auch seien die Nachweisverfahren inzwischen verbessert, weshalb schlicht auch mehr Fälle bekannt würden.

Das Tückische daran: Während bei Männern zumindest in rund der Hälfte der Fälle ein Brennen, ein Juckreiz oder ein Ausfluss am Penis auftritt, bemerken Frauen häufig keine Symptome. Dabei können bei ihnen (wie bei Männern) die Folgen schwerwiegend sein, wenn es keine rechtzeitige Therapie gibt, wie Dr. Jürgen Krieg vom Kinderwunsch-Zentrum Amberg beim Workshop berichtete. So fand die Medizin in jüngster Zeit heraus, dass diese Erreger die Gebärmutterschleimhaut beeinflussen und damit sogar Unfruchtbarkeit verursachen können. Gleichzeitig stehen Ärzte immer häufiger vor dem Problem, dass diese Bakterien - vor allem Gonokokken - gegen gängige Antibiotika resistent sind. Hinzu kommt das Problem der sogenannten "Ping-Pong-Infektionen": Ein Infizierter wird zwar behandelt, nicht aber der Partner. Weshalb es häufig zu erneuten Ansteckungen kommt.

Kostenlose Tests


So weit, so negativ. Umgekehrt betont Schwindl aber auch, dass es für die meisten Erreger sichere Nachweisverfahren gibt. Bei Chlamydien etwa, mit denen sich vor allem Jüngere infizieren, zahlen die Kassen einmal jährlich ein Screening für Frauen bis 25 Jahre. Und dann, so Schwindl, sei da noch eine recht einfache, altbekannte Methode, Erkrankungen von vorneherein zu verhindern: Kondome benutzen.

Weitere Informationen - auch über mögliche Anzeichen für eine Infektion - gibt es auf einer Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.liebesleben.de

HIV: Furcht vor dem "sozialen Tod"An den Plakaten am Straßenrand lässt sich der Wandel gut nachvollziehen: Früher warben sie dafür, Kondome zu benutzen, um eine HIV-Infektion zu verhindern. Heute raten sie, zum Arzt zu gehen, "wenn's im Schritt brennt". Es geht inzwischen um die Prävention einer ganzen Reihe von Infekten, nicht nur von HIV. Das ist durchaus sinnvoll, schließlich sind ganz verschiedene sexuell übertragbare Infektionen auf dem Vormarsch. Gleichzeitig hat HIV viel von seinem Schrecken verloren: Dank medizinischer Fortschritte lässt sich eine Infektion zwar nicht heilen, mittlerweile aber sehr gut behandeln. Was dabei viele vergessen: Verschwunden ist die Krankheit damit freilich noch lange nicht - auch nicht vor Ort.

Das Gesundheitsamt, das auch kostenlose und anonyme Tests anbietet, vermeldet für 2014 und 2015 je rund 40 HIV-Neudiagnosen in der Oberpfalz. In den Jahren davor waren es deutlich weniger: zwischen 10 und 24. Bayernweit gibt es ebenfalls eine Zunahme auf zuletzt 644 im Jahr 2015. Wie viele Infizierte - also auch solche, bei denen die Krankheit noch gar nicht diagnostiziert wurde - insgesamt in der Region leben, dazu kann es nur Schätzungen geben. Hans-Peter Dorsch, Leiter der Aids-Beratungsstelle Oberpfalz, geht von circa 60 in Weiden und im Kreis Neustadt/WN aus. Im gesamten Regierungsbezirk dürften es an die 600 sein, der überwiegende Teil lebt in Regensburg. Zum Vergleich: 2009 waren es in Stadt und Kreis rund 45, oberpfalzweit etwa 420.

Hinter diesen Zahlen stecken laut Dorsch verschiedene Entwicklungen - längst nicht nur negative. Eine davon ist nämlich die annähernd normale Lebenserwartung, die Patienten dank moderner Therapien inzwischen haben.

Eine weitere Ursache dürfte in der verstärkten Zuwanderung liegen, etwa aus einigen afrikanischen Ländern, in denen HIV viel weiter verbreitet ist. Wobei es sich um kein Massenphänomen handelt. Es geht um etwa eine Handvoll Personen pro Jahr. Ein Großteil der Neuinfektionen dürfte mit einer anderen - wachsenden - Gruppe zusammenhängen: mit den etwa 20 Prozent der Infizierten, die nicht wissen, dass sie den Virus in sich tragen. Das hat nicht immer damit zu tun, dass sie nicht mit einer Infektion rechnen oder auf Kondome verzichtet haben, weil HIV weniger Schrecken verbreitet. Manche wollen es auch gar nicht wissen. Sie blenden die Krankheit schlicht aus, so die Erfahrung von Dorsch. Dahinter steckt nicht zuletzt die Angst vor Stigmatisierung - sei es als HIV-Patient, sei es als Homosexueller. "Es gibt Menschen, die sagen: Lieber sterbe ich, als dass ich ein positives Ergebnis kriege", erklärt Dorsch. Das sei Furcht vor dem "sozialen Tod".

Ein Ansatzpunkt wäre, gegen die befürchtete Ausgrenzung anzugehen. Argumente gäbe es. Zum Beispiel: Weder Arbeitskollegen noch Partner noch sonst wer muss sich vor einer Ansteckung fürchten - zumindest wenn die Infektion bekannt ist und therapiert wird. In solchen Fällen ist eine Übertragung de facto ausgeschlossen. Wie übrigens sogar bei Schwangerschaften: 2015 brachten fünf infizierte Frauen in der Oberpfalz Kinder zur Welt. Wie in den vielen Jahren zuvor gab es keine einzige Übertragung.


Es gibt Menschen, die sagen: Lieber sterbe ich, als dass ich ein positives Ergebnis kriege.Hans-Peter Dorsch
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