Mehr als Staatsanwälte und Richter
Berufskarriere bei der Justiz

 
Werbeträger für die Justiz: (von links) Wachtmeisterin Sandra Bergler, Auszubildende Verena Schobert, Justizfachwirt Sebastian Wiedemann, Rechtspfleger Andreas Greiner und Rechtspfleger-Anwärter Markus Bezold. Bild: ca

Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Testament an den Rand eines Kochrezepts gekritzelt war? Die Rechtspfleger schon. Hatten Sie Kontakt mit dem FBI? Das wiederum ist den Justizfachwirten passiert. Die Wachtmeister dagegen haben fast täglich mit Pfeffersprays und Messern zu tun.

In allen drei Berufen bildet die Weidener Justiz aus - und sie braucht Nachwuchs. "Es steht eine Pensionierungswelle ins Haus", sagt Landgerichtssprecher Markus Fillinger: "Die Chancen sind gut." Auch auf eine heimatnahe Verwendung: Die Einstellung erfolgt im Oberlandesgerichtsbezirk Nürnberg. "München kann bei uns nicht drohen."

Justizwachtmeister


Die sportliche Sandra Bergler hat in ihrem Beruf bei der Justiz genau das Richtige gefunden. Die 41-Jährige ist Justizwachtmeisterin und daher in Ju-Jutsu und im Dienst an der Waffe ausgebildet. Die Altenstädterin ist gelernte Köchin, arbeitete früher in Verkauf und Call-Center: "Was gerade zum Kind gepasst hat." Als die bayerische Justiz 2012 nach den tödlichen Schüssen auf einen Staatsanwalt das Wachpersonal aufrüstete, startete die Altenstädterin die anderthalbjährige Ausbildung, kombiniert am Ausbildungsgericht Weiden und der Justizakademie Pegnitz. Voraussetzungen sind der Quali und das Deutsche Sportabzeichen.

Die 14 Justizwachtmeister der Weidener Justiz übernehmen die Eingangskontrolle. Fast täglich haben Besucher Messer in der Tasche - Taschenmesser, aber auch verbotene Einhandmesser. In überraschend vielen Damenhandtaschen finden sich Pfeffersprays. Die Wachtmeister sorgen zudem für Ruhe und Ordnung in den Gerichtssälen. Nicht jeder Angeklagte nimmt sein Strafmaß klaglos hin. Den letzten Zornausbruch gab es im Mordprozess gegen einen Amerikaner, dem nach der Urteilsverkündung die Zigarette verwehrt wurde. "Gefahren können wir eindämmen. Wir sind ja doch einige", sagt Sandra Bergler: "ein gutes Team." Weitere Aufgaben der Wachtmeister sind der Posteingang und der Aktenumlauf.

Justizfachwirt


Sebastian Wiedemann aus Tirschenreuth ist erst 20 Jahre jung und hat schon einige große Strafprozesse am Landgericht Weiden miterlebt. Der Tirschenreuther absolvierte die zweijährige Ausbildung am Amtsgericht seiner Heimatstadt. Als einer der jüngsten Justizfachwirte Bayerns wechselte er mit 18 an die Strafabteilung des Landgerichts Weiden. Er führte das Protokoll im Mordprozess gegen den US-Soldaten. Auch in den turbulenten Verfahren gegen fünf tschetschenische Schleuser oder den Mallorca-Betrüger saß Wiedemann am PC neben den Richtern. Ihm gefällt's: "Es ist abwechslungsreich. Interessante Fälle." Wiedemann und seine Kolleginnen laden auch die Zeugen - oft aus dem Ausland, wie im Mallorca-Verfahren, als FBI-Agenten auf der Zeugenliste standen.

Nicht immer geht es für Justizfachwirte gleich um Schwerkriminalität: Sie sind in sämtlichen Bereichen der Justiz zu finden. Azubi Verena Schobert aus Schirmitz (23) ist aktuell in der Zwangsvollstreckung eingesetzt. Von März bis Juni folgt für sie wieder ein fachtheoretischer Block an der Justizakademie in Pegnitz. Die Seiteneinsteigerin (nach Realschule und Banklehre) hat den Schritt nicht bereut: "Es ist ein vielseitiger Beruf."

Rechtspfleger


Was macht eigentlich ein Rechtspfleger? Kaum einer weiß es, und sogar Rechtspfleger-Anwärter Markus Bezold , 33, musste nach dem Beamtentest in Wikipedia nachlesen. "Aber das ist verdammt schade", weiß der 33-Jährige jetzt: "Der Beruf ist wirklich traumhaft. Allein die Bandbreite: Da ist für jeden etwas dabei." Der Speichersdorfer steht kurz vor dem Examen. Das duale Studium in Weiden und an der Starnberger Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege dauert drei Jahre. Voraussetzung ist Fachabitur

"Es ist, wie das Leben so spielt", beschreibt Rechtspfleger Andreas Greiner seinen Beruf, der den Bogen spannt: von minderjährigen Waisen, die einen Vormund brauchen, bis hin zum Nachlass im Todesfall. Greiner (37) war nach dem Studium sechs Jahre als Springer im OLG-Bezirk eingesetzt und hat nicht nur viele Gerichte, sondern alle möglichen Einsatzgebiete erlebt. Hauptaufgabengebiete sind Betreuungs- und Nachlasssachen sowie Insolvenzen, Zwangsversteigerung, Grundbuch... Aber auch bei den Staatsanwaltschaften (zur Strafvollstreckung) und den Gerichten (zur Kostenfestsetzung) sind Rechtspfleger im Einsatz.

Rechtspfleger sind - und das ist eine Besonderheit - in ihren Entscheidungen nicht weisungsgebunden und sachlich unabhängig. "Da kann keiner kommen und sagen: So machen wir's jetzt." Greiner ist Gruppenleiter Nachlass und Betreuung: "Das gefällt mir auch am besten. Es ist spannend." Er hat schon erlebt, dass beim Eröffnungstermin Testamente hervorgeholt wurden, von denen niemand wusste. Der "letzte Wille" auf Bierdeckeln, Kalenderblättern und Rezepten. Oft gibt es mehrere Testamente: "Gerade die Damen sind da sehr kreativ." Die Schwierigkeit liegt in der Natur der Sache: "Den Verfasser kann ich ja nie befragen."

Der Grafenwöhrer hat allerlei Zusatzaufgaben: Er unterrichtet in Pegnitz und Starnberg, ist Prüfer bei den Abschlussprüfungen und Interviewer bei Neueinstellungen im OLG-Bezirk. Es ist also gut möglich, dass Bewerber auf den Rechtspfleger aus Weiden treffen. Aber keine Bange: "Ich habe gern mit jungen Leuten zu tun."

InfoabendDie Justiz lädt am Freitag, 26. Februar, von 17 bis 20 Uhr zu einem Infoabend ein (Justizgebäude Sebastianstraße). Vertreter der Berufe Justizwachtmeister, Justizfachwirt und Rechtspfleger informieren über die Ausbildung (Ablauf, Inhalte, Gehalt). Das Amtsgericht bildet jährlich vier Rechtspflegeranwärter und vier Justizfachwirte aus. Interessierte, Eltern und Schüler sind eingeladen. "Wir bieten für jede Schulrichtung etwas", wirbt Sprecher Markus Fillinger. (ca)
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