Mein Auto und ich
Abschied von einem Freund

Ein letztes, sentimentales Selfie: Chef vom Dienst Michael Ascherl nimmt Abschied vom roten Audi, und dem reicht’s dann auch. Bild: ma

Natürlich ist es völlig irrational, zu einem Auto, einer Maschine also, eine emotionale Bindung aufzubauen. Ein Auto kann solche Gefühle nicht erwidern, ein Auto hat keine Seele und kein Herz. Dachte ich. Bis letzten Donnerstag.

Der rote A4 Avant 2,5 TDI quattro, Kennzeichen WEN-IM 64 (eine Hommage an die Beatles und ihr „When I’m 64“, aber das hat auch keiner kapiert …): 180 PS, sechs Zylinder, (fast) Vollausstattung. Ein Traumwagen, der mich und die Familie zwölf Jahre durchs Leben begleitet hat. Er gehörte einfach dazu, auch wenn er uns nicht wirklich gehörte, sondern dem Verlag. Ein Dienstwagen. Danke dafür.

Zwölf Jahre lang parkte er vor der Garage (drinnen war für Autos irgendwie nie Platz), tat Tag für Tag zuverlässig seinen Dienst und gehörte rasch dazu: zur Familie, wenn es in den Urlaub oder auf längere Ausflüge ging, zum Job, auf Dienstreisen, oft auch durch die einsame Nacht. Er spielte Bibi Blocksberg und Bruce Springsteen, trug Fahrräder und Skier auf dem Dach und war sich auch für andere größere Transportaufgaben nicht zu schade. Der Audi streckte bis zuletzt seine vier Ringe stolz in den Wind, ließ die Alus blitzen und schmunzelte nur über die jüngeren Vertreter, die sich neuerdings alle möglichen Sicken und Kanten ins Blech schnitzen lassen, wie ein englischer Fußballer Tattoos.

Auch wenn’s mal pressierte: Der Rote war dafür zu haben, legte die Kraft seines V-Motors und sein sattes Drehmoment bereitwillig auf die Kurbelwelle, verteilte sie auf alle vier Räder – gleichmäßig und permament. Dazu brummte er sonor, nahm’s stets gelassen. Ausfälle? Nicht, dass wir wüssten. Bis eben letzten Donnerstag, als er uns verließ.

Der Neue kam am Mittwoch, WEN-IM 64 wurde ausgemustert, degradiert zum „einfachen“ Fuhrparkmitarbeiter neben Polo, Golf und Co. Jeder konnte ihn buchen – was für eine Schmach. Am Mittwoch Abend trug er den Sportredakteur noch nach Regensburg, und der meldete sich auch noch per SMS: „Der schnurrt ja wie ein Kätzchen“. Am nächsten Tag rollte er nach Amberg. Am Steuer ein Mitarbeiter des Ticketverkaus. In Amberg dann: WEN-IM 64 springt nicht mehr an. Nach 12 Jahren springt er einfach nicht mehr an. Der Fuhrparkleiter ruft an: „Was ist mit deinem (!) Auto los, gibt es da eine Wegfahrsperre, einen Trick?“ Nein, gibt es nicht.

Die Werkstatt, Auto Fischer, stellt fest, dass er keinen Sprit mehr bekommt. Der rote Audi hat die Nahrungsaufnahme eingestellt. WEN-IM 64 will sterben. Leb wohl, alter Freund!
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