Messerattacke von Pressath
Keine Gnade für gnadenlose Tat

Bild: Götz

Landgerichtspräsident Walter Leupold geht mit dem Angeklagten gnadenlos ins Gericht. Seine Kammer verhängt die Höchststrafe: lebenslänglich. Dann bricht die berüchtigte Wortgewalt des Vorsitzenden auf Ted T. herein. Der Amerikaner zieht den Kopf ein, als ob ein Gewitter vorüberzieht.

Weiden. (ca) Das Gesetz sähe bei Mordversuch eine Strafmilderung vor. Leupold sieht dafür keinen Anlass: „Man muss sehen, mit welcher Gnadenlosigkeit er unterwegs war.“ Das Schwurgericht sieht zwei Mordmerkmale als erfüllt an: Heimtücke und Verdeckung einer Straftat. Hat der Angeklagte die Wehrlosigkeit der 25-Jährigen ausgenutzt? „Ja, natürlich!“, schleudert Leupold ihm entgegen. „Ihm war natürlich bewusst, dass sie nicht mit ihm und seinem halben Schwert gerechnet hatte.“ Die Altenpflegerin saß Pfingsten 2015 samstagnachts auf dem Sofa vor dem Fernseher, als der Unbekannte in ihre Wohnung in Pressath eindrang.

Ging Ted T. mit Tötungsvorsatz vor? „Mit was denn sonst?“, lässt Leupold keinen Zweifel. „Wenn man mit einem Riesenschlachtermesser immer wieder auf einen Menschen einsticht, wenn man merkt, wie dieser immer schwächer wird, welches Ziel sollte man sonst vor Augen haben?“ Die Klinge brach, Chirurgen mussten die Spitze aus dem Schädel fräsen.

Keinen Zweifel hatte die Kammer – neben Leupold besetzt mit den Richtern Dr. Marco Heß und Markus Fillinger sowie den Schöffen Reiner Gäbl und Adolf Pinzer – auch an der versuchten Vergewaltigung. Ted T. sei auf der Suche nach Stehlenswertem in das Wohn- und Geschäftshaus eingebrochen. Aber als sich die Gelegenheit ergab, wollte er Sex. „Why not?“, dachte Ted T., als die Schwerstverletzte vor ihm am Boden lag. So hat er es seinen Mithäftlingen erzählt, die das nach Hause schrieben.

Kampf auf Leben und Tod

Der Vergewaltigungsversuch scheiterte – und aus Wut darüber setzte der Amerikaner das Messer an der Kehle der bäuchlings vor ihm liegenden Frau an. Leupold redet sich in Rage, als er den Todeskampf der 25-Jährigen schildert, die ebenfalls aufmerksam der Urteilsbegründung zuhört: „Er hält ihr das Messer an den Hals. Sie fällt in Todesangst. Greift in das Messer.“ Der linke Daumen wurde dabei fast abgetrennt. Es gelang ihr, sich umzudrehen. „Sie hebt die rechte Hand vor den Kopf, und er durchsticht diese.“

Das Gericht folgt dem Antrag von Oberstaatsanwalt Rainer Lehner, der in seinem einstündigen Plädoyer eindringliche Worte findet. „Das Tatgeschehen hat einen erschreckenden Einblick in widerwärtige Abgründe bewussten unmenschlichen Verhaltens eröffnet. Die Brutalität und rücksichtslose Konsequenz gegen ein Opfer in seiner vermeintlich sicheren Wohnung sind erschütternd.“ Lehner spricht von „unbedingtem Vernichtungswillen“. Zwei der 26 Schnitte trafen arterielle Gefäße und verursachten pulsierende, spritzende Blutungen. Wäre es der Altenpflegerin nicht gelungen, sich auf die Straße zu schleppen, wäre der Nachbar nicht durch glückliche Umstände auf sie aufmerksam geworden und hätte sofort gehandelt: „Sie wäre verstorben.“

Alles, was Verteidiger Tobias Konze ins Feld führt, reicht dem Gericht nicht für Milde aus. Etwa die posttraumatische Belastungsstörung durch Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan. „Man kann das nicht einfach wegwischen.“ Oder seine Kindheit: „Das Elternhaus war jetzt auch nicht das Gelbe vom Ei.“ Eine drogenabhängige Mutter, Gewalt durch die Adoptiveltern. Konze: „Das rechtfertigt die Tat nicht, aber es prägt einen Menschen.“ Konze will eine zeitige Freiheitsstrafe im Strafrahmen des versuchten Totschlags.

Nebenklagevertreter Heiko Übler plädiert auf lebenslang. Die Narben würden durch die nachgewachsenen Haare verdeckt. Was die Tat ihr an dauerhaften psychischen Wunden zugefügt hat, werde sich noch zeigen: „Obwohl sie hier bei der Vernehmung sehr stark erschien, traut sie sich allein nicht mehr auf die Straße.“ Die „kleinlauten“ Entschuldigungen des Angeklagten „kann man kaum als ernsthaft betiteln“.

„Sorry“ an Pressath“

Ein solches „Sorry“ hörte die „Miss“ am Tag des Urteils gleich noch einmal und hätte sicher gern darauf verzichtet. Eine Dolmetscherin übersetzt: „Es vergeht keine Minute, keine Stunde, in der ich nicht an Sie denke. Ich hoffe, dass es Ihnen immer besser geht und Sie die Hilfe bekommen, die Sie brauchen.“ Wortreich bittet er „the nice village of Pressath“ um Verzeihung und entschuldigt sich bei der Gelegenheit gleich noch beim Basketballteam, sollte er dessen „guten Ruf ruiniert“ haben. „Ich bin ausgeflippt, ich hatte Panik, ich hatte Adrenalin, ich habe die Kontrolle verloren.“ Er schließt: „That’s it.“

Haftentlassung ist bei lebenslänglich frühestens nach 15 Jahren möglich und auch dann nur, wenn die Prognose keine weitere Gefährlichkeit anzeigt. Im Fall von Ted T. wird nach der Haft die Abschiebung in die USA folgen, kündigte Leupold an: „Das war’s.“
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