Misere in der Allgemeinmedizin
Operation: Ärztemangel am Land

Dr. Matthias Loew spricht als Vertreter des Hausärztlichen Verbundes über den Mangel an Allgemeinmedizinern auf dem Land. Bild: Schulze

Hausarzt auf dem Land zu sein ist nicht mehr en vogue. Heute versuchen Allgemeinmediziner die angebahnte Misere, die Vorgänger vernachlässigten, auszubügeln. Doch Lösungen dafür lassen auf sich warten.

Neustadt/Weiden. Warum ist der Landarztberuf so unattraktiv für den Nachwuchs geworden? Die Anzahl der Hausarztpraxen schrumpft stetig.

"Das Thema wurde lange nicht gehört", klagt Dr. Matthias Loew, stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes. Das steigende Durchschnittsalter der Ärzte habe sich schon vor Ewigkeiten abgezeichnet. Die Ausbildungszahlen - nur 10 Prozent der Medizinstudenten wählen die Allgemeinmedizin, 90 Prozent entscheiden sich für eine andere Fachrichtung - seien alarmierend.

Problem um Problem


Laut Loew beginne die Misere schon im Studium. Bayerische Unis besetzen ihren Lehrstuhl für Allgemeinmedizin, sofern es einen gibt, teils mit Lehrbeauftragten. "Die Studenten bräuchten eine Lichtgestalt, zu der sie aufsehen können: ein allgemeinmedizinisches Vorbild." Wenn der Dozent nicht präsent ist, hat man wenig Lust dieses Fach zu vertiefen. Loew selbst studierte in Würzburg, auch da gab es keine Koryphäe in der Allgemeinmedizin. "Die Lehrbeauftragten waren sehr bemüht, dennoch konnte man in dem Fach nicht promovieren oder forschen", sagt der 49-Jährige. Der damalige Student interessierte sich mehr für die Neurologie. Um die Ärztedynastie der Familie und die Traditionspraxis aufrecht zu halten, übernahm Loew 2004.

Die nächste Hürde, Medizinstudenten für den Landarztberuf zu gewinnen, lauert im Praktischen Jahr nach dem zweiten Staatsexamen. Dort wählen Studenten drei Fächer, in die sie vier Monate hineinschnuppern. Ein "Pflicht-Tertial" in der Allgemeinmedizin soll Abhilfe schaffen. Damit trotzdem jeder in seine bevorzugten Fächer Einblick bekommt, müsste das Praktische Jahr geviertelt werden. Das wiederum bedeutet einen immensen Eingriff in die Ausbildungsstruktur.

Um den Einstieg in die Facharztausbildung zu erleichtern, gibt es Weiterbildungsverbünde für Allgemeinmedizin, seit Ende 2015 auch an der Kliniken AG Nordoberpfalz. Im Curriculum werden die angehenden Fachärzte koordiniert und begleitet. In Weiden stehen derzeit vier angehenden Hausärzte in der Verbundweiterbildung. "Eine verpflichtende Landarztquote finde ich nicht gut. Die Leute müssen freiwillig aufs Land kommen", erklärt Loew.

Vom Arzt zum Dienstleister


Viele Mediziner leben nach dem Studium lieber in der Großstadt. Oder sie scheuen den Schritt in die Selbstständigkeit. In der Praxis agieren die Ärzte alleine. Zudem passen die Arbeitszeiten nicht zur Lebenswirklichkeit des Nachwuchses. In der Klinik ist nach der Schicht Ende. In der Niederlassung hat der Arbeitstag 10 bis 12 Stunden, plus Bereitschaftsdienst. Wer die Möglichkeit zu geregelter Arbeitszeit hat, entscheidet sich gegen die Praxis.

Auch die Bürokratie würde Studenten daran hindern, Hausarzt werden zu wollen. "Dazu muss man auch der Typ sein, man muss vom Charakter her Landarzt sein wollen", sagt ein weiterer Kollege aus dem Landkreis. "Es ist eine Gratwanderung zwischen dem medizinisch Notwendigen und dem wirtschaftlich Machbaren." Auch die Patienten seien anspruchsvoller geworden. "Das macht uns zu Dienstleistern."

Aufgrund der Verweiblichung des Berufs - 60 Prozent der Medizinstudenten sind Frauen - sei "die Einzelpraxis leider ein Auslaufmodell", erklärt Loew. Frauen arbeiten oft nur halbtags, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Im geregelten Klinik-Alltag kein Problem, mit eigener Praxis aber undenkbar.

Auslaufmodell Einzelpraxis


Der Trend geht hin zu "Medizinischen Versorgungszentren" (MVZ), Gemeinschaftspraxen, oder "Filialpraxen". Der Zweitstandort der Praxis öffnet mehrere Tage die Woche für wenige Stunden. Für Loew nicht unbe-dingt die beste Lösung: "Patient und Arzt verlieren den Bezug zueinander". Ein Niedergelassener sollte als Ansprechpartner dauerhaft vor Ort sein.

Schließt eine Praxis im Weidener Umland oder im Landkreis, unter anderem weil sich kein Nachfolger fand, merkten auch Loew und sein Kollege einen Zulauf an Patienten. "Ich nehme aber auch wahr, dass die Patienten insgesamt nicht mehr so häufig zum Arzt gehen", sagt Loew. Die Notfallfrequenz für beispielsweise Zucker- oder Asthmapatienten habe zudem nachgelassen. Dennoch: "Wir haben viele ältere Menschen und chronisch Kranke. Wie sollen die zum Arzt kommen, wenn er kilometerweit entfernt ist?", fürchtet der Landarzt aus dem Landkreis die Unterversorgung.

Eine entlastende Maßnahme gegen die hohe Zeitbelastung ist die Zusatzausbildung für Arzthelfer "Versorgungsassistent in der Hausartzpraxis", kurz "VERAH". Diese Helfer fahren Hausbesuche und dürfen zum Beispiel Verbandswechsel vornehmen. Ein Ansatz, mit dem Hausärzte versuchen, die bevorstehende Krise in den Griff zu bekommen. (Hintergrund )

Eine verpflichtende Landarztquote finde ich nicht gut. Die Leute müssen freiwillig aufs Land kommen.Dr. Matthias Loew


Angemerkt von Lena Schulze: Praxen siechen dahinWährend im Landkreis Neustadt und in der Stadt Weiden 2010 noch 106 Hausärzte ansässig waren, reduzierte sich bis 2016 die Zahl der niedergelassenen Allgemeinmediziner auf 98. Die Ampeln stehen auf Gelb. Obwohl die Praxen marginal weniger wurden, steht die Oberpfalz trotz Grenznähe noch innerhalb der Bedarfsplanung. Laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung ist die hausärztliche Versorgung noch garantiert.

Das Problem: Knapp die Hälfte der niedergelassenen Allgemeinmediziner im Regierungsbezirk ist bereits über 60 Jahre alt. Viele von ihnen können wegen des Nachwuchsmangels die Nachfolge ihrer Praxis nicht regeln. Bedeutet: Die Ampeln schalten demnächst auf Rot. Künftig wird es Bereiche in der Oberpfalz geben, die medizinisch unterversorgt sind. Bereits jetzt kämpfen Landkreise wie Ansbach um Nachfolger in hausärztlichen Praxen.

Symptom: Nachwuchsmangel. Diagnose: Ärztesterben. Therapie: Abwarten. Sowohl für Patienten als auch für motivierte Hausärzte ein unbefriedigender Status.
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