Mitarbeiterin nach 37 Jahren gekündigt
Wegen 7,20 Euro den Job verloren

Vier Obertassen kosteten einer Seltmann-Mitarbeiterin nach 37 Jahren ihre Arbeitsstelle. Bild: Schönberger

Arbeitsgericht Weiden. Es geht um 7,20 Euro. Diesen Betrag soll eine Kassiererin im Werksverkauf der Porzellanfabrik Seltmann an sich genommen haben. Die Frau hat aus diesem Grund nach 37 Jahren in der Firma ihren Arbeitsplatz verloren.

Mit ihrem Anwalt Christoph Scharf aus der Kanzlei Schulze und Kollegen klagt die 60-Jährige gegen die fristlose Kündigung. Sie hat dabei eine schlechte Ausgangsposition: Im Januar ist sie in erster Instanz am Amtsgericht Weiden wegen Unterschlagung der 7,20 Euro zu 20 Tagessätzen verurteilt worden. Sie hat zwar Berufung zum Landgericht eingelegt, aber diese steht noch aus.

Beim Termin am Arbeitsgericht findet Richter Ferdinand Hagelstein einen Vergleich, den beide Parteien zähneknirschend akzeptieren. Dieser Vergleich bedeutet eine "weiße Weste" für die 60-Jährige: Die Kündigung wird zur einvernehmlichen Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Der Vorfall kommt nicht ins Zeugnis. Vorteil für Seltmann: Die Firma muss keine Abfindung zahlen, nur zwei Wochen Lohn. "Und sie setzt ihr Beendigungsinteresse durch."

Noch ein wichtiger Punkt des Vergleichs: Die Vorwürfe werden von keiner Seite aufrechterhalten. Denn nach wie vor steht Aussage gegen Aussage. Die Mitarbeiterin bestreitet energisch, ihren langjährigen Arbeitgeber bestohlen zu haben. Der Personalchef von Seltmann, flankiert vom Syndikus des Arbeitgeberverbandes der Keramischen Industrie, beharrt auf dem Diebstahl.

Kassiervorgang storniert


Konkret handelt es sich um einen Einkauf am 18. Mai 2015 um 12.30 Uhr. Es gibt ein Video aus einer Überwachungskamera im Verkaufsraum. Ein Mann kauft vier Obertassen. Er legt Geld auf den Tresen, die Mitarbeiterin nimmt es und öffnet den Kassenschub. Eine Auswertung der Kasse ergab aber, dass der Kassiervorgang storniert wurde (Einnahme 0,0 Euro). Entweder hat die Kassiererin das Geld an sich genommen oder sie hat einen technischen Fehler gemacht. Die Kassenauswertung erfolgte aufgrund eines anonymen Anrufs vier Tage nach dem Einkauf. Der Kunde habe von einer verdächtigen Wahrnehmung berichtet: Als er keinen Bon wollte, habe die Mitarbeiterin das Geld in der Hand behalten.

Das Video hilft Richter Hagelstein nicht wirklich weiter: "Es ist darauf nicht zu sehen, dass die Klägerin Geld eingesteckt hat, auch in der Zoom-Version nicht." Interessanterweise ist der grobkörnige Film von beiden Seiten als Beweis eingereicht worden: Die Firma wertet ihn als belastend, der Anwalt als Entlastung. Bleibt noch das Geständnis, das die Angeklagte bei einem Personalgespräch abgelegt haben soll. Auch das ist streitig. Laut Anwalt Scharf sei die 60-Jährige dabei massiv unter Druck gesetzt worden, ihr Fehlverhalten doch endlich zuzugeben. Seine Mandantin habe sich an den Kunden nicht erinnern können und am Ende gesagt, "wenn, dann muss ich einen Blackout gehabt haben, als ich in die Kasse gelangt habe".

Nerven liegen blank


Der Syndikus des Verbands der Keramischen Industrie wetzt die Messer. Er kündigt an, durch alle Instanzen zu gehen. "Dann sehen wir uns eben in zwei Jahren vor dem Bundesarbeitsgericht wieder. Mir ist das recht. Ich mache das von Berufs wegen." Auf der Gegenseite liegen dagegen die Nerven blank. Als Scharf den Vergleich annimmt, bleibt der Platz neben ihm leer: "Meine Mandantin ist eben auf dem Gang zusammengebrochen. Wir haben daher entschieden, das Verfahren zu beenden." Diese Entscheidung sei allein ihrer gesundheitlichen Situation geschuldet.

Anspielungen des Personalchefs in der Sitzung, dass der Vorfall ja kein Einzelfall gewesen sein müsse, weist der Arbeitsrichter scharf zurück: "Das ist so weit Spekulation, dass das hier keinen Raum haben darf." Die Frau sei 37 Jahre bei der Firma beschäftigt gewesen: "eine außergewöhnlich lange Arbeitszeit, die viele Mitarbeiter gar nicht erreichen".
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