Modellprojekt zum Erhalt der Ringelschwänze
Ferkels ganzer stolz bleibt dran

So soll's sein: neugierige Schweinchen mit Ringelschwanz.
 
Noch alles dran bei Reinhard Brunners Ferkel: Bis zu 100 000 Euro an Fördergeldern und 40 Prozent der Investitionskosten für den Stallausbau kann ein Betrieb beantragen, der an dem Modellprojekt des Bundeslandwirtschaftsministeriums zur Vermeidung des Schwanzkupierens teilnimmt. Reinhard Brunner aus Weiden ist einer von neun teilnehmenden Landwirten - von der dänischen Grenze über Rostock bis Bayern. Bild: Herda

Sie wühlen und stöbern im Stroh, wälzen sich am Boden, schütteln die Halme im Maul und halten ihre Ringelschwänze stolz in die Höhe: Reinhard Brunners rosa Mastschweine demonstrieren dem Besucher höchstes Wohlbefinden. Landwirte aus ganz Deutschland und Ministeriumsvertreter begutachten das Modellprojekt in Weiden-Neubau.

"Wie oft das Schwanzbeißen auftritt, ist ein guter Indikator für das Wohlbefinden der Schweine", sagt Gundula Jahn vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl). Sie betreut ein Projekt des Bundeslandwirtschaftsministerium (BLE), bei dem als einziger Ferkelbetrieb in Bayern Biobauer Reinhard Brunner beteiligt ist. "Wer es wie Herr Brunner schafft, Tiere mit Schwänzen zu halten, ohne dass sie sich beißen, der macht ziemlich viel richtig."

Blutig gebissen


Ist der Ringelschwanz erst einmal blutig gebissen, entstehen eiternde Wunden, die Entzündung wandert in manchen Fällen die Wirbelsäule hinauf - ein Gefahr, die die Intensivlandwirtschaft durch die "Schwanz ab"-Methode bannt. Ziel der Regierung ist es, nicht nur die Schweinehalter davon zu überzeugen, dass sich Tierwohl und Wirtschaftlichkeit miteinander vereinbaren lassen: "Alle Schwänze und Schnäbel sollen dran bleiben", fordert Jahn.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) startete im September 2014 die neue Initiative für mehr Tierwohl. Brunner ist einer von neun schweinehaltenden Demonstrationsbetrieben in ganz Deutschland, die zeigen sollen, dass man das Phänomen "Schwanzbeißen" in den Griff bekommen kann, ohne den Ferkeln nach der Geburt das geringelte Schmuckstück wegzubrennen. Nach Recherchen der Tierschutzorganisation Pro Vieh werden in Deutschland und anderen EU-Staaten neun von zehn Ferkeln das Schwänzchen durch die v-förmige, glühende Kerbe eines Kupiergerätes gezogen - dabei wird es abgetrennt und die Wunde verödet.

Eigentlich verbietet seit 2003 eine EU-Richtlinie das routinemäßige Kupieren. "Das läuft alles über Ausnahmen", erklärt Dorothe Heidemann, Referentin im BLE. Es sei nur zulässig, wenn "andere Maßnahmen" gegen Kannibalismus erfolglos geblieben seien. "Wenn die Tiere Stress haben, sich nicht wohlfühlen, kauen sie auf den Schwänzen der anderen Schweine rum", sagt Heidemann. "Das ist wie bei uns Nägelkauen." Eine schottische Untersuchung habe 70 Faktoren identifiziert, die diese Verhaltensstörung begünstigt:

Bespaßung: Schweinen, die im Stroh wühlen können, wird nicht so schnell langweilig - ein Grund, warum sie beginnen, am Ringelschwanz des Artgenossen herumzuknabbern. Von der Decke baumelnde Spielzeuge sorgen zusätzlich für Ablenkung.

Satt und zufrieden: Eine stressreduzierte Mulitphasenfütterung sorge für satte und zufriedene Tiere. Zudem lassen sich Verdauungsprobleme vermeiden und die Tröge sind immer sauber.

Prima Klima: Innovative Lüftungssysteme statt schlecht schließender Vorhänge verhindern Zugluft, zu hohe Temperaturen, erhöhte Luftfeuchtigkeit und hohe Staubentwicklung.

Von wegen Ringelpitz mit Anfassen: Bio-Landwirtschaft ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Produktionsmethode mit wissenschaftlicher Begleitung: Georg Hagl, Student an der Hochschule Weihenstephan, präsentiert seine Analyse: Seine Verbesserungsvorschläge etwa zu Stallklima, Fütterungsoptimierung, Schaffung neuer Klimazonen oder den Einbau einer Niedrigdruckkühlung führt zu konkreten Verbesserungen am Brunner-Hof.

Mehraufwand kostet


"Mir ist klar, dass viele konventionelle Mastbetriebe an der Grenze der Belastbarkeit angekommen sind", sagt Reinhard Brunner. "Der Mehraufwand durch diese Methode ist nur darstellbar, wenn der Verbraucher bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen."

Der Brunner-Bio-Hof"Wir befinden uns am ehemaligen Hof der Gollwitzer", erzählt Reinhard Brunner, "ein altes Bauerngeschlecht in der Region." Sein Adoptivvater sei Pionier in der Schweinemast gewesen, er selbst ausgebildeter Milchkuhhalter. Da gab's erst einmal Berührungsängste mit den Allesfressern: "Da geh' ich nicht rein, da stinkt's", sei eine erste Abwehrreaktion gewesen. Seine Frau nahm ihm die Scheu: "Ich musste mir die Schweine aneignen", sagt er lachend, "Helga kommt aus einem Schweinebetrieb und hat mir eröffnet, ,ich nehm' dich nur, wenn du die Schweine nimmst' - ich habe gefolgt." 1985 hat die Familie den Hof in Neubau gepachtet, seit 1990 gehört er den Brunners. "Am 1. Juli 2009 haben wir auf biologische Landwirtschaft und Naturland-Betrieb umgestellt." Und die Chancen, dass die dritte Generation das Projekt mit Bio-Ferkel, Spargel & Co. fortführt, stehen nicht schlecht. Die Kinder Christina, Michael und Johannes arbeiten zusammen mit den Eltern, einer Angestellten, einem Lehrling und bis zu vier Saisonarbeitskräften in der Spargelzeit mit am Betrieb. (jrh)
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