Nach der US-Wahl: Wie weit sind in Weiden Bürger und Politik entfremdet?
"Das ist eine gefährliche Zeit"

Anhänger von Donald Trump feiern nicht nur den Sieg des Kandidaten, sondern auch einen Sieg gegen das politische Establishment. Auch in Weiden gibt es Sorgen über das Verhältnis von Politik und Wählern. Bild: dpa

Der selbst ernannte Außenseiter also. Donald Trump hat wohl auch gewonnen, weil er sich als Anti-System-Kandidat präsentierte. Sein Sieg steht für eine Entfremdung von etablierter Politik und vielen Bürgern in den USA. Gibt es die eigentlich auch in Weiden? Wer nachfragt, hört nicht nur Skepsis.

Erst am Montag hatte er wieder so einen Fall. Eine Frau meldete sich bei Josef Gebhardt , dem Chef der Weidener Tafel. Sie könne das Heizöl kurzfristig nicht bezahlen, sagte sie. Sie sei schon auf Strom ausgewichen, wenn es zu kalt wurde. Gebhardt kennt das. Die Menschen drehen dann in ihrer Verzweiflung irgendwann einfach den Elektroofen an, berichtet er.

Gebhardt, der selbst für die SPD im Stadtrat sitzt, erzählt diese Geschichte, weil sie aus seiner Sicht einiges vom Erfolg der Donald Trumps dieser Welt erklärt. Und weil sie zeige, warum auch vor Ort viele Bürger ihr Vertrauen in das verloren hätten, was man etablierte Politik nennen kann. Auf der einen Seite seien Menschen gefangen in ihrem "Kampf ums tägliche Dasein". Menschen, die erfahren, dass auch in Weiden nicht mehr Geld für Sozialwohnungen da ist. Und auf der anderen Seite seien da Leute wie Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer oder einige Banker. "Sie kassieren und werden noch belohnt fürs Betrügen." Da sei es verständlich, wenn viele mit den "alten" Parteien abschließen. "Da gerät auch mein Blut in Wallung." Wohlgemerkt: Nicht jeder, der wenig Geld hat, sei anfällig für Populismus, sagt Gebhardt. Denn er könne nicht nachvollziehen, wie jemand mit gesicherter Existenz nur aus Verlustängsten AfD wähle.

"Weit entfernt"


Bei der AfD selbst sieht man das naturgemäß anders. Wobei zumindest Kreisvorsitzender Roland Magerl Trumps Sieg gar nicht bejubeln will. Dazu kenne er dessen Politik zu wenig. Klar sei für ihn jedenfalls, dass einige Menschen dies- und jenseits des Atlantiks einen Wandel wünschten. Das habe die AfD auch schon in früheren Wahlkämpfen erlebt. "Die Menschen sind zu uns gekommen und haben gesagt: ,Es muss sich was ändern.'" Denn "die Altparteien sind zu weit entfernt vom Normalbürger". Das gelte vor allem, seit es wegen der Großen Koalition keine richtige Opposition mehr gebe. Der seien die Probleme und Sorgen der Bürger - sei es bei der Rente, sei es bei den Flüchtlingen - zwar bekannt. Aber "die machen Politik über die Köpfe hinweg".

Etwas anders sieht das Ursula Barrois . "Das ist eine gefährliche Zeit", sagt die Vorsitzende der Initiative e.V. gerade angesichts des Erfolgs von Populisten in Europa und den USA. Ursache sei "eine Grundangst" vieler Menschen, die sie sich um Sicherheit, Status, Besitz sorgten. Das habe Folgen: "Die Menschen sind auf der Suche nach Orientierung, Führung." Und damit auch anfällig für "einfache Lösungen". Eine davon sei nunmal, alle Schuld auf bestimmte Menschengruppen abzuladen.

Für Barrois, die die Initiative 1979 ins Leben gerufen hat, um Obdachlosen zu helfen, ist das nichts Neues. Es habe Zeiten gegeben, in denen Sozialhilfeempfänger, Behinderte oder eben Obdachlose besonders ausgegrenzt wurden. Heute machten insbesondere Flüchtlinge einigen Menschen Angst. Warum das sich nun - in den USA wie in Deutschland - bei Wahlen stärker niederschlägt, erklärt Barrois mit Kommunikation. Einerseits gelinge es den Etablierten nicht, die Sprache vieler Menschen zu treffen. Andererseits biete das Internet eine Plattform für Parolen, die früher vielleicht nur am Stammtisch zu hören waren und jetzt massenhaft für alle nachzulesen seien. Das bestärke extreme Gruppierungen.

Sozialer Kitt


Alles negativ also? Nicht unbedingt, wenn man Siegmund Bergmann fragt. Als Kreisgeschäftsführer beim Sozialverband VdK hat zwar auch er ständig mit Problemen seiner rund 8000 Mitglieder zu tun, die Leistungen vom Staat bekommen. Trotzdem: Dass sie sich überwiegend von der Politik abgewandt haben - diese Erfahrung hat Bergmann nicht gemacht. Warum? "Das soziale Netz ist der Kitt." Ein Netz, das aus Ehrenamtlichen bestehe, aber auch aus Sozialleistungen, die es in den USA so nicht gebe.

Natürlich sei nicht alles rosig. Drohende Altersarmut etwa. Oder die prekäre berufliche Situation vieler Jüngerer. Aber, sagt Bergmann, insgesamt sei das System stabil. Und das könnte ein Grund sein, warum ein Donald Trump es - trotz aller politischer Verwerfungen auch in Deutschland - es hier etwas schwerer hätte. "Der Staat hilft seinen Leuten." Und nicht der Populismus.
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