Nach Überfall in Pressath: Mutter des Opfers sagt im Prozess wegen versuchten Mordes aus
"Sie ist ganz stark"

Verteidiger Tobias Konze mit dem Angeklagten Ted T. Die Staatsanwaltschaft Weiden wirft dem Amerikaner versuchten Mord und versuchte Vergewaltigung vor. Im Falle einer Verurteilung droht dem 29-Jährigen lebenslange Haft. Bild: Götz

Am Nachmittag betritt überraschend das Opfer den Gerichtssaal. Eine junge Frau mit feinen Gesichtszügen, Kurzhaarschnitt und Brille. Sehr ernst und sehr gefasst. Die Kameras und überregionalen Reporter sind da längst abgezogen. Exakt vier Stühle trennen die Altenpflegerin (25) von ihrem Peiniger Ted T. (29).

Weiden/Pressath. Für zehn Minuten nimmt die Nebenklägerin neben ihrem Anwalt Dr. Heiko Übler Platz. Sie bleibt nur für die Dauer der Vernehmung ihrer Mutter. Sie selbst ist erst für nächsten Dienstag als Zeugin geladen und wird aussagen: "Sie will mit ihrer Aussage für sich ein Ende finden", sagt ihr Anwalt. Übler beschreibt seine Mandantin als stabile Persönlichkeit, seelisch gefestigt. Die Verletzungen seien verheilt.

Als ihrer Mutter im Zeugenstand die Stimme bricht, lässt Richter Walter Leupold die Geschädigte nach vorne kommen. Sie hält der aufgelösten Hausfrau (59) seelenruhig die Hand, als diese die Tatnacht schildert. Der Anruf. Das Eintreffen am Tatort, als man sie nicht mehr zum Sanka lässt. Die ganze Familie fährt nachts nach Regensburg, wo die 25-Jährige notoperiert wird. Sie hat allein 26 Stiche und Schnitte am Kopf. Und heute? "Sie ist ganz stark. Sie hat das geschafft", sagt die Mutter. Die Tochter verzieht keine Miene. Gerader Rücken, keine Schwäche.

Ted T. lässt die Schultern hängen in seinem schwarzen Nadelstreifenanzug. Er ist nicht besonders groß, vielleicht 1,70 Meter. Bei der Polizei hat er die Tat gestanden. Vor Gericht schweigt er. Verteidiger Tobias Konze hat ihm dazu geraten. Mit tiefer Stimme nennt Ted T. nur Name und Geburtsort: "Atlanta, Georgia, United States." In Verhandlungspausen setzt sich seine deutsche Ehefrau zu ihm, mit der er zwei Kinder hat. Nach seiner Entlassung aus der Army arbeitete der Ex-Soldat für eine regionale Zeitarbeitsfirma.

"Please" und "Bitte"


Die Anklage vernimmt er ohne Regung. Oberstaatsanwalt Rainer Lehner schildert den Tatablauf. Pfingstsamstag, 3.15 Uhr. Ted T. betritt das Wohn- und Geschäftshaus in Pressath. Er geht in den zweiten Stock: Die Wohnung ist leer, die Mieterin ausgezogen. 3.20 Uhr: Ted T. tritt die Tür zur Metzgerei im Erdgeschoss ein und nimmt ein Fleischermesser mit. 3.30 Uhr: Ted T. tritt die Tür der einzig bewohnten Wohnung im ersten Stock ein.

Im Wohnzimmer sieht er das Opfer vor dem Fernseher schlafen und versteckt sich im Bad. Die 25-Jährige erwacht vom Flurlicht, ausgelöst durch einen Bewegungsmelder. Sie tritt in den Gang und wird, so Lehner, vom Angeklagten "überfallartig" angegriffen. Er sticht mit dem Messer auf ihren Kopf ein. Ohne Unterlass. Als sie ins Wohnzimmer flieht. Als sie zu Boden geht. Als sie auf Deutsch und Englisch fleht. "Er beantwortete das mit weiteren Stichen und Faustschlägen." Das Blut rinnt ihr über das Gesicht, so dass sie kaum noch sieht. "Sie musste ihr sukzessives Verbluten bewusst miterleben."

Am Ende streift ihr der Angreifer die Hose ab, scheitert aber an der eigenen Impotenz. Aus "Wut und Enttäuschung", so der Staatsanwalt, setzt der Irak-Kriegsveteran zum Kehlenschnitt an. Die Frau schiebt die Hand dazwischen. Sehne und Muskulatur werden durchtrennt. Die Anklage lautet auf versuchten Mord und versuchte Vergewaltigung.

"Ohne fremde Hilfe in engem zeitlichen Ablauf wäre die Geschädigte durch Verbluten gestorben", sagt der Staatsanwalt. Mit letzter Kraft rutscht sie das Treppenhaus hinunter und schleppt sich auf die Straße. Ihren Nachbarn verdankt sie ihr Leben. Lothar H. (62) war früher Schichtarbeiter: "Halb vier ist meine Zeit." Durch das Badfenster hört er Wimmern, "ganz, ganz leise". Auf der Straße findet er die Frau: "Blutüberströmt, blutüberströmt! Sie hat gesagt: Hilfe, ich sterbe." Lothar H. redet sich in Rage: "Einen Menschen so zamm'richten! So brutal, Mensch!"

Auch damals schreit er, bis seine Lebensgefährtin und weitere Nachbarinnen - Mutter und Tochter (42 und 21) - gelaufen kommen. Sie halten das Opfer wach und breiten Decken aus. "Man hat nicht einmal mehr ihre Haarfarbe erkannt. Alles war rot und verklebt", erinnert sich die 42-Jährige. Einem Polizisten der PI Eschenbach beschreibt die schon "sehr schwache" Schwerverletzte bruchstückhaft den Überfall: ihren Schlaf, das Geräusch, den dunkelhäutigen Mann, der plötzlich in ihrer Wohnung steht. Der Beamte muss davon ausgehen, dass es ihre letzten Worte sind: "Wir bekamen vom Klinikum Weiden die Mitteilung, dass mit ihrem Ableben zu rechnen ist."

Vormieterin mit Vorlieben


Die Nachbarn aus der Bachstraße haben möglicherweise eine Erklärung für den Überfall. "Vielleicht hat er sich einfach vertan." In der Wohnung im zweiten Stock lebte bis November 2014 eine andere junge Frau, die wechselnde Männer empfing, mit Vorliebe GIs. Darunter war auch der Angeklagte, so ist sich die 21-Jährige sicher. Er sei ihr namentlich vorgestellt worden, als sie einmal bei der Vormieterin zu Besuch war. "Ich dachte mir damals: wieder so einer, den man nicht kennenlernen muss. Sie hatte oft Herrenbesuch." Das Opfer war kurz vor der Tat eingezogen.
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