Neue Führung

Joachim Behrend ist neuer Kreishandwerksmeister in der nördlichen Oberpfalz. Zusammen mit Stellvertreter Josef Schlosser spricht er über Pläne und Sorgen.

Das Handwerk boomt vielerorts, doch es hat auch Probleme. Nachwuchsmangel, Abwerbung von Personal durch die Industrie, Schwarzarbeit, Billiganbieter im Internet, Konkurrenz durch Backautomaten und industrielle Lebensmittelproduzenten sind nur einige Stichworte. Kann ein neuer Kreishandwerksmeister die alten Probleme lösen und das Handwerk zukunftsfest machen?

Behrend amtiert erst seit Mai und vorbereiten konnte er sich auf sein Amt auch nicht, denn Vorgänger Karl Arnold war überraschend aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Doch Nachfolger Behrend sieht schon Ansatzpunkte. Das Pressegespräch führt er zusammen mit seinem ebenfalls neu gewählten Vertreter Josef Schlosser. Damit wollen beide Teamarbeit als Prinzip in der Interessenvertretung dokumentieren.

"Wir sind nach wie vor Grenzland mit Nord-Süd-Gefälle", beginnt Behrend das Gespräch und verweist grundsätzlich auf die viel schwierigere Situation eines Handwerksbetriebs in den ländlichen Regionen im Vergleich zum boomenden Süden der Oberpfalz. Moderne Technologien mit den alten Handwerkerwerten zu verbinden, stehe für ihn ganz oben. Die modernen Technologien müssten auch in Handwerksbetrieben Einzug halten. Dass er dafür auch mit seiner persönlichen Biografie gerade stehe, erläutert er mit nur einem Satz: "Als Elektroinstallationsmeister installiere ich längst keine Stromkästen oder Steckdosen mehr, sondern beschäftige mich mit Telekommunikation und Netzwerktechnik." Handwerksbetriebe müssten sich "über die Qualität definieren". Selbstbewusst lehnt er es zum Beispiel ab, "ein bei Amazon billig gekauftes Elektroteil in eine Anlage zu installieren". Er spricht sich auch dagegen aus, dass Handwerker in Internetbörsen ihre Dienste anbieten, denn: "So werden nur Preise kaputt gemacht."

Behrend ist auch Realist, wenn er sagt: "High-Tech-Firmen werben uns die ausgebildeten Fachkräfte ab. Schauen Sie doch einmal allein auf deren Ausstellungsstände bei den Ausbildungsmessen." Deshalb sei in der Oberpfalz keine einzige Spengler-Berufsschulklasse mehr zustande gekommen, ergänzt Stellvertreter Schlosser. Dennoch sieht Behrend auch gute Chancen für die vorwiegend kleinen Handwerksbetriebe in den ländlichen Räumen. "Menschennahe Dienstleistung mit hoher Qualität erbringen und individuelle Produkte anbieten", lautet seine Strategie. Das erkennt er als Chance auch für den kleinen Meisterbetrieb etwa im Ernährungshandwerk.

Image des Handwerks

Um wieder mehr Bewerber für das Handwerk zu bekommen, empfiehlt Behrend seinen Meisterkollegen: "Geht persönlich in die Schulen und steht gerade für das Image des Handwerks." Sehr gut für das Image des Handwerks sei auch, wenn Handwerksmeister an den Hochschulen studierten. Auch mit Forderungen an die Politik hält er sich nicht zurück, als hätte er sich seit Wochen auf die Rolle des Kreishandwerksmeisters vorbereitet, kommt es wie aus der Pistole geschossen: "EU-Bürokratie-Wahnsinn abbauen", nennt er als erstes. Auch Aufzeichnungspflicht nach dem Mindestlohngesetz treibt ihn um: "Warum reicht nicht der normale Stundenzettel?" Auch solle in öffentlichen Ausschreibungen abgeschafft werden, "dass immer nur der Billigste zum Zuge kommt". Behrend verweist auf das Beispiel einer Auftragsvergabe, bei der sein eigenes Unternehmen ein Angebot von 53 000 Euro abgegeben habe, dann aber ein Bieter "mit 20 000 Euro weniger" zum Zuge gekommen sei. "Jetzt machen wir die Reparaturen, weil der Konkurrent gar nicht mehr existiert. Ist das so gewollt?", fragt sich Behrend.

Kleine Betriebe seien durch die vielen Zertifizierungen überfordert. Und den "Steuerberater und Rechtsanwalt bei der Ausschreibung können wir uns auch nicht leisten". Doch den Mindestlohn befürwortet der neue Kreishandwerksmeister, "aus sozialen Gründen". Schließlich sei er früher als Arbeitnehmer auch Gewerkschaftler und Betriebsrat gewesen. Schlosser ergänzt: "Im Handwerk liegen die Löhne in der Regel sowieso weit über dem Mindestlohn."
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.