Nicht nur die Deutschen nutzen ausdauernd das Smartphone, auch die Flüchtlinge
„Schatztruhe“ Smartphone

Kein Flüchtling ohne Handy - bei vielen löst das ein Stirnrunzeln aus. Dabei dient das Smartphone nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern oft auch als Speichermedium. Von der Geburtsurkunde bis zu Zeugnissen, alles steckt im Handy. (Foto: dpa (Archivbild))
 
Vernetzte Welt: Wertvoll wie Gold ist oft das Smartphone. (Foto: nt/az (Grafik))

Das Ohr am Handy oder die Augen ins Display vertieft: Nicht nur die Deutschen nutzen ausdauernd das Smartphone, auch die Flüchtlinge. Dieses Benehmen - gerade vor Asylbewerber-Unterkünften - sorgt für Fragen, Missverständnisse und Vorurteile.

Weiden/Regensburg. Von wegen "Luxusartikel": Gerade für die Qualifizierten unter den Flüchtlingen stellt das Smartphone einen Dokumenten-Ordner dar. Vor dem Exodus aus der Heimat scannten sie Zeugnisse, "Scheine" der Uni oder Urkunden ein. Dies bestätigt der Kanzler der Universität Bayreuth, Dr. Markus Zanner: "Das Smartphone dient den Asylbewerbern oft als Nachweis für den schulischen, universitären oder beruflichen Werdegang." Vom Lebenslauf samt Geburtsurkunde ganz abgesehen. In zwei Gruppen bereitet die Uni Bayreuth derzeit 35 "studierfähige" Flüchtlinge mit Bleibeperspektive auf den Vorlesungsbetrieb vor, weil es an den Deutschkenntnissen "hapert". "Die Identitäts-Feststellung war noch nie ein Problem", verweist Zanner auf die weltweite Vernetzung. "Bei Zweifeln genügt eine E-Mail etwa zu den Unis in Aleppo oder Damaskus", berichtet der Kanzler. Aleppo sei noch dazu die Partner-Uni von Bayreuth. Das "globale Dorf" lässt grüßen. Aus seiner Skepsis am "weltweiten Handy-Konsum" macht Jost Hess vom Arbeitskreis Asyl in Weiden keinen Hehl: "Ich halte diese Entwicklung für ätzend. Aber warum sollten ausgerechnet Flüchtlinge keinen Gebrauch von Smartphones machen?" Die Telekommunikationskonzerne hätten den "arabischen Markt" mit billigsten Handys geradezu überschwemmt. Sie dienten auf der langen Flucht nicht nur als Speicher-Medium für persönliche Dokumente, sondern auch zur Kontaktpflege mit der Heimat und zum Informationsaustausch.

Nicht selten wird Hess mit unbezahlten Rechnungen für die Handy-Nutzung konfrontiert. "Dann stottern die Flüchtlinge ihre Schulden in Raten ab." Der AK Asyl erteilt in Weiden-Neustadt/WN etwa 250 Kindern aus Flüchtlingsfamilien Nachhilfe. "Es ist besser, ein Gutmensch als ein Schlechtmensch zu sein", sagt Hess.

Online-Deutschkurse


In einer der größten Gemeinschaftsunterkünfte der Region, im ehemaligen Camp Pitman in Weiden, ließ ein großherziger Privatsponsor einen WLAN-Hotspot installieren: Das Gerät steht im Sozialraum und versorgt digital die Häuser 5 und 6. "Demnächst wird ein Verstärker eingebaut, um auch die anderen Gebäude zu bedienen", erzählt Dr. Robert Feicht von der Regierung der Oberpfalz. WLAN-Hotspots für Flüchtlinge richtete auch die Initiative "Freifunk" an verschiedenen Standorten in Regensburg ein. Kürzlich spendierte die Initiative "Campus Asyl" der Erstaufnahme-Unterkunft in Regensburg eine Art Internetcafé: Etwa 15 Laptops werden vor allem "für Online-Deutschkurse, zur Orientierung in Deutschland, zur Kommunikation mit Familie und Freunden sowie zur Freizeitgestaltung eingesetzt".

"Die Asylbewerber selbst sollen grundsätzlich keinen eigenen Internet-Anschluss für ihren Aufenthalt in einer Gemeinschaftsunterkunft beantragen", betont die Regierung.

Bei Zweifeln genügt eine E-Mail etwa zu den Unis in Aleppo oder Damaskus.Dr. Markus Zanner, Kanzler der Universität Bayreuth


Flüchtlinge und HandysWer im 21. Jahrhundert flüchtet, tut das meist nicht ohne sein Smartphone: Telefon, Wörterbuch, Kompass. Handys sind oft Lebensretter. Und auch nach geglückter Flucht bleiben die Digitalgeräte unentbehrlich, um etwa Kontakt zu Freunden und Familie in der Heimat zu halten. Über eine Million Flüchtlinge erreichten 2015 Deutschland. Eine Situation, mit der sich Vodafone "sehr intensiv auseinandergesetzt hat", wie Volker Petendorf, Sprecher von Vodafone Deutschland, sagt. "Die meisten benutzen moderne Mittel wie Whats-app, Skype und Internettelefonie." Breitbandnutzung sei in den Flüchtlingsunterkünften deshalb eins der Top-Themen.

"Es ist ein großes Bestreben der Betreiber, WLAN und Hotspots anzubieten", sagt Petendorf. Auch prominente Persönlichkeiten, die sich sozial engagieren, fragten nach, ob sie Zugänge spenden können. Konkrete Zahlen kann auch die Deutsche Telekom nicht geben. Sprecherin Katja Werz: "Pro Monat wird ein Datenvolumen genutzt, das dem großer Verkehrsflughäfen entspricht" - und bezieht den Vergleich auf allein eine Unterkunft. Wie viele Wettbewerber bietet auch der Mobilfunkriese kostenloses WLAN für Unterkünfte an. Nach Firmenangaben sind es in Absprache mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Bundesinnenministerium bereits 65 Unterkünfte für etwa 75 000 Flüchtlinge. Für die trägt die Telekom die laufenden Kosten zwar selbst - dazu kommen aber "mehrere Hundert", die zahlen. Auch Telefónica Deutschland, zu der O2 und E-Plus gehören, hat das Tarifsystem an Migranten mit sogenannten "Ethno-Tarifen" angepasst.

Gemeint sind Konzepte, "die sich an bestimmte Zielgruppen richten und besonders attraktive Angebote beinhalten, um mit den jeweiligen Heimatländern in Kontakt zu bleiben", sagt Telefónica-Sprecher Ralf Opalka. (dpa)
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