Nizamidin Karim Haydari hat in der Oberpfalz seinen Platz gefunden - und soll zurück nach Afghanistan
Seit zehn Jahren die Mutter nicht gesehen

Nizamidin Haydari (18), kurz genannt "Karim". Bild: gsb

Im Mai 2015 hat ihn die Bundespolizei bei Waidhaus aufgegriffen. Nizamidin Karim Haydari. Er erwies sich als "Turbo-Afghane". Innerhalb kürzester Zeit hat er fließend Deutsch gelernt, die Mittelschule mit 1,0 abgeschlossen und geht jetzt ans Kepler-Gymnasium. Derzeit absolviert er ein Praktikum in der NT-Redaktion, gemäß seinem Berufswunsch Journalist. Alles läuft nach Plan. Und dennoch ist er untröstlich.

Wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Mutter gesprochen?

Nizamidin Haydari: Gestern. Via Facebook-Messenger.

Und "in echt"?

Da war ich 7 oder 8 Jahre. Seither habe ich meine Mutter nicht mehr persönlich getroffen. Mein Vater starb, als ich 5 war. Als Kind bin ich in eine Koranschule nach Pakistan geschickt worden. Ich lief weg und lebte bei Verwandten im Iran, dann mehrere Jahre mit meinem älteren Bruder in der Türkei. Wir haben in einer Textilfabrik gearbeitet. Unser Ziel war immer, die Mutter und meine drei jüngeren Geschwister nachzuholen. Das kostet viel Geld. Für meine Mutter, eine Usbekin, wurde die Lage in Afghanistan immer schwieriger. Sie musste permanent Schutzgeld an die Taliban bezahlen, die das Dorf beherrschen.

Wie ist die Situation jetzt?

2015 hat mein Bruder mich nach Europa geschickt. Er musste in der Türkei bleiben. Vor einem Jahr hat er es geschafft, einen Flug für meine Mutter und meine Schwester über Kabul nach Istanbul zu organisieren. Alles geht mit Geld in Afghanistan. Das Leben in der Türkei ist zwar hart für meine Mutter, sie ist krank und muss viel arbeiten. Aber sie ist sicher.

Sie sind also ein so genanntes "Anker-Kind", auf dem alle Hoffnungen ruhen.

Die einzige Hoffnung bin ich. War ich. Vor drei Wochen habe ich meinen Abschiebebescheid erhalten. Das hätte ich nie gedacht. Der Entscheider im Bundesamt für Migration zweifelt meinen Fluchtbericht gar nicht an, aber er ist der Meinung, ich bin schon so lange weg aus Afghanistan, dass ich unerkannt zurückkehren könnte und nicht verfolgt würde. Die Ablehnung ist unmenschlich. Ich hatte bisher nicht den Mut, meiner Mutter davon zu erzählen.

Wie sind Sie eigentlich ausgerechnet in Weiden gelandet?

Unser letzter Schleuserfahrer ließ uns im Mai 2015 kurz vor der deutsch-tschechischen Grenze aussteigen. Die Bundespolizei Waidhaus hat uns aufgegriffen. Das Jugendamt hat mich abgeholt, eine Familienrichterin hat mir einen Vormund gegeben. Eigentlich wollte ich nach England oder Frankreich. Deutschland hatte schon so viele Flüchtlinge.

Dafür haben Sie sich aber gut eingelebt.

Ich will hierbleiben! Hier ist es für uns viel besser als in München oder anderen Großstädten. Mir haben hier so viele geholfen. Ohne den Arbeitskreis Asyl hätte ich es nicht aufs Gymnasium geschafft. Dem Kepler bin ich sehr dankbar für die Aufnahme. Die Leute sind echt super. Jost und Ursula Hess stehen mir im Widerspruchsverfahren gegen die Ablehnung bei. Sie haben gesagt: Unser Haus ist immer offen. Ich habe eine Freundin, deren Eltern mich sehr freundlich aufgenommen haben. Sie sagen: Du bist unser drittes Kind.

Wenn Sie könnten, wie Sie wollten, wie sähen Ihre Zukunftspläne aus?

Ich will Abitur machen, studieren. Ich will als Journalist arbeiten und in andere Länder gehen und die Wahrheit veröffentlichen. Ich möchte möglichst vielen Leuten solche Erlebnisse ersparen. Und ein Buch würde ich auch gern schreiben.

Sie haben Hinrichtungen erlebt, Hunger, Todesangst. Sie hatten nie Eltern. Wie kommen Sie zurecht?

Manchmal frage ich mich das auch und oft dachte ich, ich schaffe das nicht. Ich habe meine Kindheit auf der Reise verbracht. Meine Reise hat neun Jahre gedauert.

Sie sind ein junger Afghane. Wird Ihnen mit Misstrauen begegnet?

Ich merke manchmal Angst, die sich legt, wenn mich die Leute kennenlernen. Ich habe bemerkt: Wenn ein Flüchtling etwas Schlechtes macht, müssen immer alle dafür bezahlen. Wir Afghanen in Weiden haben uns nach jeder Tat zusammengesetzt und besprochen, nur ja nichts anzustellen. Die Weidener sollen stolz auf uns sein.

Wie sehen Sie in die Zukunft?

Die erste Woche nach der Ablehnung konnte ich gar nicht außer Haus gehen, so verzweifelt war ich. Inzwischen habe ich beschlossen, meine Schule weiterzumachen und mich nicht beirren zu lassen. Ich hoffe, dass das Verwaltungsgericht die Unterlagen noch einmal richtig prüft. Ich würde mir wünschen, dass nicht nur nach der Vergangenheit gefragt wird, sondern auch nach den Zielen. Meine Zeugnisse wurden bei der Anhörung fallen gelassen.

Es gibt Diskussionen um Ihr Alter. Das Jugendamt hat Sie um zwei Jahre älter gemacht: 20 statt 18. Wie alt sind Sie denn nun?

18. Ich bin 1999 geboren. Ich kann das auch beweisen und versuche gerade, eine Geburtsurkunde aus Afghanistan zu besorgen. (Amgemerkt, Seite 30)


Karims Geschichte: Überlebensreise
1 Kommentar
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Marianne Prechtel aus Weiden in der Oberpfalz | 27.04.2017 | 12:24  
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