Obada Al Gasem über das Essen im Flüchtlingslager
"Ganz, ganz, ganz schlecht"

Einer der wenigen Momente, in dem die Familie recht entspannt wirkt. Der große Sohn ist zu Besuch im Flüchtlingscamp nahe Thessaloniki (von links): Mutter Bothaina Al Gasem, Obada, seine Schwester Rama und Bruder Saif, der so groß geworden ist, dass Obada ihn im ersten Augenblick gar nicht mehr erkannt hat. Bilder: hfz (2)
 
Obadas jüngster Bruder, der zwölfjährige Abd Alrahman, spielt in der Nähe eines Waschplatzes im Zeltcamp. Die sind zwar eigentlich für die Wäsche gedacht, manch einer nutzt sie aber auch für eine Katzenwäsche.

"Zu 10 Prozent gut, zu 90 Prozent schlecht." So beantwortet Obada Al Gasem die Frage, wie es seiner Familie geht. Der 18-jährige Syrer hat sie in den Pfingstferien für sechs Tage besucht: in einem Flüchtlingslager bei Thessaloniki.

Obada selbst ist vor zwei Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Zunächst nach München, dann in die Oberpfalz. Seit acht Monaten lebt er in Weiden, fand hier Aufnahme bei einer Familie. Dank ihrer Unterstützung, und weil er selbst alles Geld spart, das er erhält, konnte er sich den Flug nach Griechenland leisten. "Ich rauche nicht, ich trinke nicht", erklärt er. Und er wusste, dass seine Angehörigen auf seine Unterstützung angewiesen sind.

Über zwei Jahre hatte er Mutter, Schwester und die beiden Brüder nicht mehr gesehen. Sein Vater lebt noch in Syrien. Als einziger Apotheker will er seine Stadt nicht verlassen, um die Bevölkerung wenigstens notdürftig zu versorgen, erzählt Obada. Seine Mutter und drei Geschwister wagten die Flucht. Doch in Griechenland ging es für sie nicht weiter, wie für so viele andere.

Zwei Monate lebten sie in Idomeni. Als bekannt wurde, dass das Lager geräumt werden soll, wechselten sie vor einem Monat bereitwillig in ein Camp bei Thessaloniki. Eine Zeltstadt für rund 1000 Personen. "Dort ist es zwar besser als in Idomeni", hat der 18-Jährige von Bewohnern erfahren. Trotzdem seien die Verhältnisse alles andere als gut.

"Die Toiletten sind echt schmutzig, im Bad gibt es kein Licht. Überhaupt gibt es zu wenig Strom, und der Müllplatz wird nur einmal die Woche geräumt", erzählt der junge Mann in beachtlichem Deutsch. Er besucht die Integrationsvorklasse der FOS/BOS Weiden und möchte später einmal Apotheker werden wie sein Vater.

"Nur Reis, nichts dazu"


Die Bewohner werden drei Mal am Tag verpflegt, berichtet Obada weiter. Gut sei aber nur das Frühstück: einige Oliven, eine Semmel, etwa 50 Gramm Käse und ein Saft pro Person. Die restlichen Mahlzeiten sind nach den Erfahrungen des jungen Mannes "ganz, ganz, ganz schlecht: Der Reis war wie vor zwei Tagen gekocht, ohne Salz, ohne irgendeinen Geschmack, und es gibt nichts dazu. Meine Familie hat sich schon Gewürze gekauft. Es gibt entweder nur Reis oder nur Nudeln, aber nichts dazu. Nur manchmal bekommen sie Kartoffeln mit Lamm."

Seine Angehörigen wagen es nicht, Leitungswasser zu trinken, aus Angst zu erkranken. Also bemühen sie sich, mit den sechs Flaschen Wasser pro Woche auszukommen, die jeder Bewohner erhält. Wenn sie Gemüse oder Gewürze zukaufen, dann in einem kleinen Markt im Camp, der die Waren etwas teurer anbietet als außerhalb. Warum sie nicht in den nur einen Kilometer entfernten Supermarkt gehen, erklärt Obada prompt: "Die Menschen dort lassen ihre Hunde auf die Straße aus Angst vor den Flüchtlingen." Die Flüchtlinge wiederum haben Angst vor den Hunden.

Was die Situation für Familie Al Gasem besonders unangenehm macht: "Eine Frau ohne Mann hat es in unserer Religion schwer", sagt Obada. Die Brüder Saif und Abd Alrahman sind gerade mal 15 bzw. 12 Jahre alt. Sie können Mutter Bothaina (45) und Schwester Rama (20) nicht schützen. Die Frauen fühlen sich unsicher: In Idomeni soll es zu einem Kindesmissbrauch durch einen erwachsenen Afghanen gekommen sein. So wird es zumindest erzählt.

Kinder sollen studieren


Seinen Bruder Saif hätte Obada beim Wiedersehen fast nicht erkannt. "Er ist viel größer geworden, ist sogar größer als ich." Mit leichtem Grinsen deutet der 18-Jährige auf ein Foto, das im Camp entstand. "Er hat eine andere Frisur" - und dank Obada auch andere Kleidung. "Ich habe allen etwas mitgebracht, zum Teil gebrauchte Sachen. Meine Mutter und Geschwister hatten nur ganz wenig zum Anziehen."

Der 18-Jährige hofft darauf, dass seine Familie zu ihm nach Deutschland nachziehen darf. Bisher ist es seiner Mutter aber nicht einmal gelungen, einen entsprechenden Antrag zu stellen. "Das haben insgesamt nur sehr wenige geschafft", hat Obada erfahren. "Erst sagen sie, es geht, dann geht es plötzlich wieder nicht, weil es zu viele Menschen sind."

Seine Mutter ist Lehrerin. Sie möchte unbedingt, dass ihre Kinder studieren. Rama hat bereits ein Semester Englisch und Französisch absolviert, bevor es auf die Flucht ging. Saif möchte Ingenieur werden, Abd Alrahman ebenfalls Apotheker, wie sein Vater und sein großer Bruder. Doch dafür müsste die Familie erst in ein Land kommen, in dem sie ihre Träume realisieren kann. Am liebsten nach Deutschland.

BombenopferÜber Obadas Kinn verläuft eine lange Narbe. Sein rechtes Auge blickt starr, weil es ein Glasauge ist. Wie das passiert ist? In seiner Heimatstadt wurde er von Bombensplittern getroffen, erzählt er. "Eine ganze Familie war tot. Es gab etwa 20 Verletzte." Einer davon war Obada Al Gasem, damals noch 15 Jahre alt. Der einzige Arzt vor Ort sagte, "du musst nach Jordanien zur Operation". Die Familie hat das ermöglicht. Vier Monate war Obada in Jordanien, dann flüchtete er nach Deutschland, "um hier zu studieren". Wer die Bombe abgeworfen hat, steht für den 18-Jährigen fest: "Die syrische Regierung." (ps)
5 Kommentare
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Shanee Davidson aus Regensburg | 08.06.2016 | 18:52  
Jutta Porsche aus Weiden in der Oberpfalz | 09.06.2016 | 16:12  
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Shanee Davidson aus Regensburg | 13.06.2016 | 20:41  
Redaktion Onetz aus Weiden in der Oberpfalz | 14.06.2016 | 12:41  
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Shanee Davidson aus Regensburg | 14.06.2016 | 16:45  
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