Oberpfalz-Medien nun mit Ansprechpartner für Zeitungsleser und Onetz-Nutzer
Im Namen der Leser

Auch eine Art freiwillige Selbstkontrolle greift ab sofort bei Oberpfalz-Medien. Dafür steht ebenfalls der Leseranwalt. Redakteur Jürgen Kandziora (rechts) hat diese neue Aufgabe übernommen. Bild: Schönberger

Er vertritt die Interessen der Leser - und deshalb heißt er Leseranwalt. Oberpfalz-Medien hat jetzt einen. Er soll unter anderem zur Überwindung der Vorstellung beitragen, die Medien seien abgehoben, arrogant und unsensibel für die Sorgen der Öffentlichkeit.

Amberg/Weiden. Jürgen Kandziora (56) ist dieser Leseranwalt. Der langjährige Lokalchef der Amberger Zeitung übernimmt damit einen Posten, der in der deutschen Zeitungslandschaft selten ist. Nur rund ein Dutzend Tageszeitungen hat einen Leseranwalt - als Mittler zwischen Lesern und Redaktion, der sich in erster Linie um Beschwerden und Anregungen kümmert. Er überprüft aber auch die Berichterstattung auf Richtigkeit, Fairness, Ausgewogenheit und den guten Geschmack. Und er soll die Kriterien redaktioneller Arbeit durchschaubar machen.

Anton Sahlender (67) von der Main-Post in Würzburg war der erste deutsche Leseranwalt überhaupt. Im folgenden Interview mit Oberpfalz-Medien erzählt der Sprecher der Vereinigung der Medien-Ombudsleute von seiner Arbeit.

Herr Sahlender, Sie waren der Pionier, der erste Leseranwalt bei einer deutschen Tageszeitung. Wie fing alles an?

Anton Sahlender: Die Idee habe ich aus den USA. Zu Beginn der neunziger Jahre referierte mehr als einmal bei Journalisten-Seminaren der Bundeszentrale für politische Bildung ein Medien-Ombudsmann aus Seattle. Er hat mich fasziniert, und die Idee ließ mich nicht mehr los. Doch erst rund zehn Jahre später konnte ich sie, unterstützt vom Chefredakteur, umsetzen. Fast ein Jahr haben wir über das Wie und die Bezeichnung diskutiert, bevor es im April 2004 losgehen konnte. Das war für mich nicht ganz einfach: Denn ich hatte noch Aufgaben als Mitglied der Chefredaktion.

Der Leseranwalt ist das Signal an die Leser, dass ihre Probleme und Vorstellungen ernst genommen werden.Anton Sahlender, Sprecher der Vereinigung

Wozu braucht es einen Leseranwalt?

Er ist das Signal an die Leser, dass ihre Probleme und Vorstellungen ernst genommen werden. Kritiken und Anregungen nimmt er auf und sorgt dafür, dass sie wirklich in der Redaktion ankommen. Er antwortet auf Beschwerden und veröffentlicht dazu erklärende Beiträge oder er sorgt dafür, dass es die verantwortliche Redaktion tut. Bei Konflikten ist er als Vermittler gefragt. Nach innen ist er so was wie ein Gewissen für die Redaktion. Er wird gebraucht, weil die Redaktion oft zu wenig Zeit für Kommunikation und Erklärungen hat. Sie ist mit ihren journalistischen Aufgaben und mit fortwährenden medialen Entwicklungen, vor allem beim digitalen Journalismus, stark in Anspruch genommen.

Was sind die wichtigsten Aufgaben eines Leseranwalts?

Er sollte ständiger Erklärer von Journalismus und von Medien sein: Denn nicht viele Menschen wissen, wie Redaktionen arbeiten und nach welchen Kriterien sie entscheiden. Er sorgt für Transparenz, die mehr und mehr gefragt ist. Sie schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit, denn Tageszeitungen wollen Wegweiser sein, in einer schier unendlichen medialen Welt. Sie müssen sich unterscheiden von undurchsichtigen Quellen, die zu Ängsten und Verunsicherung führen. Die Entwicklung von ausreichend Medien-Kompetenz innerhalb der Leserschaft sollte dem Leseranwalt am Herzen liegen.

Sitzt ein Leseranwalt nicht immer irgendwie zwischen den Stühlen?

In der Frage steckt ein Vorwurf, der mich mitunter erreicht hat, wenn ich der Kritik eines Lesers nicht zugestimmt habe: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Wenn es schon mal notwendig ist, tut man das nicht mit dieser Begründung. Leser spüren das. Sie schenken dann einem Leseranwalt kein Vertrauen und meiden ihn. Er tut also gut daran, Kritik zu üben, wenn Kritik an Inhalten notwendig ist. Dabei stößt er an einen "Stuhl", der ihm nahe ist, an den der Redaktion, der er selbst angehört. Die wird das akzeptieren, wenn er in der Sache argumentiert und niemand persönlich angreift. Denn klar ist, alle sind in derselben Rolle: Redaktionen sind von ihrem Grundverständnis her ebenfalls Anwalt der Menschen. Der Leseranwalt wird dabei zur Schnittstelle zwischen den Lesern und der Redaktion.

Wie unabhängig muss ein Leseranwalt innerhalb der Redaktion wirken können?

Er muss unbeeinflusst wirken können, also wirklich unabhängig von redaktionellen Strukturen. Und aus der Chefredaktion und aus Verlagsleitungen, deren Unterstützung er braucht, sollte das respektiert werden, auch wenn es mal schwierig wird, souverän mit Kritiken umzugehen. So können Leseranwälte mit ihren Erfahrungen für alle zu kompetenten Ansprechpartnern werden.

Was raten Sie jedem neuen Leseranwalt?

Zuhören, verstehen, akzeptieren und argumentieren. Selbst fair bleiben und immer auf die Sache konzentrieren. Persönliche Vorwürfe und Unterstellungen möglichst übersehen. Fehler und Schwächen eingestehen. Pressefreiheit als wertvolles Gut schützen, weil es die Freiheit ist, die stellvertretend für alle Menschen wahrgenommen wird.

Am Ende etwas zur Person: Wer ist Anton Sahlender?

Am besten, man fragt andere. Wenn schon, dann sehe ich mich gerne als einen Journalisten, der sich freut, wenn er Lesern helfen kann. Und noch ein bisschen mehr, wenn ihn zuweilen dafür mal ein Lob erreicht. Ich habe das Glück, seit 1971 in meinem Traumberuf unterwegs zu sein und das nun sogar noch als 67-Jähriger. Als Ruheständler kann ich mich auf die Aufgaben als Leseranwalt konzentrieren. Der Main-Post-Chefredakteur, der das auch wollte, hat in all den Jahren nicht ein einziges Mal versucht, Einfluss zu nehmen, obwohl ihm nicht jede meiner Veröffentlichungen gefallen konnte. Das war wichtig. Schön zu sehen, dass nun die Oberpfalz-Medien Lesern und Nutzern mit einem Leseranwalt ebenfalls besondere Offenheit signalisieren. Für die Vereinigung der Medien-Ombudsleute in Deutschland (www.vdmo.de) begrüße ich erfreut einen neuen, den nun zwölften Kollegen, der an seinem Platz zur Stärkung journalistischer Glaubwürdigkeit beitragen wird.

KontaktLeseranwalt Jürgen Kandziora ist nicht nur Ansprechpartner für die Leser der Zeitungen unter dem Dach der Oberpfalz-Medien. Die Nutzer des Internetportals (www.onetz.de) unserer Verlagsgruppe können sich ebenso an ihn wenden. In den nächsten Tagen wird dies auch über Facebook möglich sein.

Derzeit ist der Leseranwalt per Telefon und Mail erreichbar: 0961/85-444 juergen.kandziora@oberpfalz medien.de


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