Offener Blick auf Deutschland

Flaggenparade in der Weidener Altstadt - symbolhaft für das Leben von Ersan Uzman. Mit seiner Frau Zeynep lebt er im Herzen der Stadt. Vor 50 Jahren kam er als Gastarbeiter aus Istanbul in die Oberpfalz. Bild: Zaruba
 
Ersan Uzman als junger Mann. Gerade 17-jährig, startete er ins neue Leben. Bild: privat

Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Und ein Land ohne Auberginen, wie Ersan Uzman bei seiner Ankunft in Weiden lernen musste. Damals als jugendlicher Gastarbeiter. Im Rentenalter blickt der Türke zurück: auf den Beginn eines neuen Lebens vor 50 Jahren in einem Land, das er zu schätzen lernte.

Uzman ist ein Stadtmensch geblieben. Aus seinem Wohnzimmer kann er dem Weidener Storch auf dem Dach des Alten Rathauses beim Klappern zuschauen. Und dem Treiben der Menschen in der Fußgängerzone. Vor allem an Markttagen, wenn sich Obst- und Gemüsestände aneinanderreihen. Das fühlt sich noch am ehesten an wie seine Kindheit. Damals, in den Straßen Istanbuls. Uzman war einer der Türken, die sich in der ersten Welle als Gastarbeiter in die Fremde wagten. Vor 50 Jahren erlebte er seinen ersten Sommer in der Oberpfalz - und einen kleinen Kulturschock.

"Als ich nach Weiden gekommen bin, waren noch Plumpsklos in der Altstadt", erinnert er sich. Auch sonst vermisste er in der verschlafenen Grenzregion die Vielfalt der quirrligen Metropole am Bosporus. "Tomaten waren hier schon exotisch damals; die haben nicht einmal Auberginen gekannt." Selbst die Auswahl an Herrenmode fand er zu der Zeit dünn. Der Vater, gelernter Schneider, kleidete den jungen Mann ein. Uzmans Erfahrungen und Eindrücke sind vielleicht nicht typisch. Aber, was heißt das schon, "typisch"? In den zwölf Jahren nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von 1961 kam mehr als eine halbe Million Menschen aus der Türkei in die Bundesrepublik. Jede Familie hatte, auch abhängig davon, aus welchem Teil des Landes sie stammte, einen anderen kulturellen Hintergrund und oftmals auch einen anderen Zugang zur deutschen Gesellschaft.

Die Uzmans waren offen und fühlten sich offen aufgenommen. "Mit Pauken und Trompeten hat man uns empfangen", erzählt der 66-Jährige heute. Das meint er wörtlich, wenn er auf die Ankunft am Münchener Hauptbahnhof zurückblickt. "Da war tatsächlich eine Kapelle." Es waren die Jahre der massiven Anwerbung von Gastarbeitern. "Die Industrie war froh, dass die Ausländer gekommen sind. Und die Ausländer waren froh, dass sie Geld verdient haben." Die Verdienstmöglichkeiten waren verlockend, erzählt Uzman, aber die Familie zögerte. "Mein Vater hat ein Jahr lang überlegt: Sollen wir, sollen wir nicht?"

Lange geweint

Vater Ali Kemal und Mutter Hilmiye wagten den ersten Schritt, Ersan folgte mit seinem älteren Bruder Eeren einige Monate später. Schweren Herzens, auch nach der Ankunft in Weiden. "Ich habe ein halbes Jahr lang geweint." Aber er gab nicht auf, auch weil er trotz Heimweh mehr über dieses Land lernen wollte, dessen literarisches Aushängeschild ihm geläufig war. "Wir haben in der Schule gelernt, dass Goethe ein großer Dichter war. Er hatte diese Volkssprache, hat Lyrik mit Erzählungen verschmolzen." Ersan Uzman kommt ins Schwärmen, wenn er davon erzählt.

Weil er auch den Kontakt mit den Oberpfälzern als sehr gut erlebte, erschloss er sich rasch die Sprache des Dichterfürsten. "Nach drei Monaten hab ich genauso gesprochen wie jetzt. Ich habe dann den Dolmetscher gemacht." Zum Beispiel für die vielen Landsleute, die wie er, 1965 gerade 17 Jahre alt, von der Porzellanfabrik Seltmann in Lohn und Brot genommen wurden. "Zu Seltmann haben die Türken ein besonderes Verhältnis. Viele Firmen in der Türkei haben unregelmäßig bezahlt, wenig oder gar nicht bezahlt. Seltmann hat uns gerecht behandelt. Und Seltmann hatte einen Namen."

Anfeindungen, erzählt der 67-Jährige, habe es damals nicht gegeben. "Die deutsche Bevölkerung ist uns entgegengekommen." Und Uzman öffnete sich der deutschen Gesellschaft mitsamt ihren kleinen Merkwürdigkeiten - "nirgends auf der Welt gibt es ein Ordnungsamt" - und großen Errungenschaften wie der sozialen Marktwirtschaft. Die deutsche Politik habe es geschafft, "dass Wohlstand auch zu den kleinen Leuten kommt", sagt er anerkennend. Nach fünf Jahren Porzellanfabrik sattelte er um und wurde Ofenmaurer mit Einsatzorten in halb Europa. "Wir waren zwar dreimal teurer als das jeweilige Land, aber fünfmal schneller."

Bekannt aus Bus und Taxi

Viele Menschen aus der Nordoberpfalz kennen den kontaktfreudigen Weidener als Busfahrer bei RBO und als Taxi-Chauffeur, die nächsten Stationen eines erfüllten Arbeitslebens, auf die er im Rentenalter zurückblickt. Der gepflegte Plausch gehört für ihn und Ehefrau Zeynep zum Spaziergang in der Fußgängerzone. Er hat Weiden ins Herz geschlossen und hängt ebenso noch an Istanbul. Eine alte Heimat und eine neue - für ihn kein Widerspruch, sondern gelebte Weltoffenheit.

Uzman engagierte sich in der Gesellschaft. Als Sportler, im Türkischen Arbeiterkulturverein, im Moscheeverein. Es folgte eine Episode als CSU-Mitglied, die im Zuge der Einbürgerungsdebatte endete. Apropos: Hat sich etwas geändert in Zeiten von Dschihadisten, Islamdebatte und Pegida? Doch, sagt er, unterschwellig spüre er in Gesprächen über den Glauben Ressentiments. "Manche fragen höflich - aber den Hintergrund kann ich mir denken." Seine Antwort darauf: "Das sind Terroristen, das hat mit Islam nichts zu tun. Der Islam ist eine wunderbare Religion wie das Christentum, wie das Judentum." Und gehört der Islam nun zu Deutschland? "Ist schon da", sagt Uzman und setzt sein entwaffnend breites Lächeln auf. Nach 50 Jahren in Deutschland hat er sich verändert, aber auch das Land ist ein anderes. "Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden, ob man will oder nicht. Das ist Globalisierung."

Ein Prozess, der sich fortsetzen werde angesichts der derzeitigen Flüchtlingsströme. Die Asylbewerber von heute, so glaubt er, werden in 20 Jahren fester Teil der Gesellschaft sein. Einer Gesellschaft, der er nicht müde wird, zu sagen, dass sie zuviel wegen Problemen lamentiere, die keine sind. "Oawan" müssten viele hart, höre er immer wieder. Oder die Klage, dass ein Schnitzel nicht schmeckt. "Sei doch froh, dass du Arbeit hast", entgegnet er, und: "Sei doch froh, dass du ein Schnitzel hast!" Nach 50 Jahren zieht der Junge, der mit nichts in die Oberpfalz gekommen ist, einen Schluss, der zu denken geben soll: "Leider Gottes wissen viele Jugendliche nicht, wie gut es ihnen geht."
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