Personalmangel auf dem Land
Polizisten sind geladen

Für Ministerium und Präsidium ist alles bestens. Doch Polizisten klagen über Personalmangel in ländlichen Regionen. Sie sehen sogar die Sicherheit in Gefahr.

"Braucht die Polizei selber Hilfe?", fragte unsere Zeitung. Seitdem vergeht kaum ein Tag ohne Reaktionen. Die Betroffenen - junge und ältere Polizeibeamte in unterschiedlichen Funktionen - melden sich zu Wort. Entgegen der Beteuerungen von Polizeipräsidium und Innenministerium beklagen sie "Personalnot in der Fläche".

Weiden/Amberg. In Bayern gibt es zwar mit 41 370 Stellen so viele Polizisten wie noch nie (zehn Prozent mehr als 2007). Gerade in der Oberpfalz wird jedoch die Verteilung vorwiegend in Ballungsräume und an die großen Flughäfen als höchst ungerecht empfunden. Frust herrscht auch über die zahlreichen Abstellungen, Beförderungsstau im gehobenen Dienst und besonders die Folgen der Polizeireform von 2009 mit der Auflösung der Direktionen in Amberg und Weiden. "Eigentlich sollte dadurch mehr Polizei auf die Straße kommen, also die Präsenz vor Ort erhöht werden. Das Gegenteil ist der Fall, denn in Regensburg wurde ein riesiger Wasserkopf geschaffen", erzählt ein Polizist im Schichtdienst. "Ich möchte für die Reportage Danke sagen, für die Bemühungen um eure Polizei. Es ist traurig, aber wir sind darauf angewiesen", schreibt ein leitender Polizeibeamter.

Zwölf-Minuten-Hilfsfrist?


Unser erster BerichtUnser erster Bericht zur Personalsituation bei der Polizei löste zahlreiche Reaktionen aus: Polizei vor Ort braucht selber Hilfe
Spott herrscht über die aufwendige Verlegung des BRK-Rettungswagen-Standorts - Kosten von mehreren 100 000 Euro - von Vohenstrauß nach Lohma, um die gesetzlich festgelegte Zwölf-Minuten-Hilfsfrist in Teilen des östlichen Landkreises Neustadt/WN zu gewährleisten.

"Die Dienstgruppen der Polizeiinspektionen können auf dem Land rund um die Uhr im Regelfall nur noch eine einzige Streifenbesatzung stellen. Die Anfahrtszeiten zu den Einsatzorten betragen dann 30 Minuten oder mehr - und das selbst dann, wenn die Streife zu dem Zeitpunkt noch nicht mit einem anderen Auftrag beschäftigt ist", berichtet ein Beamter, der seit mehr als 20 Jahren in der nördlichen Oberpfalz im Einsatz ist. Bei Rettungsdienst und Polizei werde mit zweierlei Maßstäben gemessen, doch beide seien gleich wichtig für die Lebensrettung und die Sicherheit.

Am "rigorosen Reformeifer" des früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber hagelt es heftige Kritik. Die Folgen würden die "innere Sicherheit in den Ruin treiben". "Als ich hier in der Oberpfalz meinen Dienst antrat, waren die Dienstgruppen noch stark genug, um nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nachtzeit zwei oder mehrere Streifenbesatzungen zu stellen. In Amberg und Weiden hatte man zusätzlich noch genügend Sondereinheiten, die entweder zivil oder auch uniformiert Streifendienst verrichteten, um auch größere Einsatzlagen zu bewältigen."

Heute sei während der Nacht nur noch eine einzige Streifenbesatzung auf den Straßen unterwegs, und auf der Inspektion verbleibe nur ein einziger Beamter. Seien "schwierige Einsatzlagen" zu bewältigen, beginne das "Sammeln" von Streifenfahrzeugen aus den benachbarten Inspektionsbereichen, die natürlich in dieser Zeit "entblößt" seien.

"Blindwütige Angriffe"


Übereinstimmend werden die Mehrbelastungen ins Feld geführt: Durch "Kampftrinker, die ihren Aggressionen freien Lauf lassen"; "unberechenbar reagierende Rauschgift-Konsumenten", Schutzaufgaben durch die "Flüchtlingsbewegung" und "Kleinkriminalität, die inzwischen nur noch verwaltet, aber fast nicht mehr aufgeklärt wird". Wegen "blindwütiger Angriffe" forderten Notarzt und Krankenhauspersonal immer häufiger die Polizei an.

Empörung herrscht darüber, dass das Polizeipräsidium Oberpfalz versuche, die gesunkene Anzahl der Streifenpolizisten der Bevölkerung als Vorteil zu verkaufen (Installierung des "Eisernen Schutzmanns"). "Wenn auf dem Land kein Streifenfahrzeug mehr fährt, weil niemand mehr da ist, dann ist eben auch keine Abschreckung mehr vorhanden. Hat die Bevölkerung in den Städten ein höheres Recht auf Sicherheit als die Menschen in den kleineren Ortschaften?", fragt ein über 50 Jahre alter Polizeibeamter. Längst gebe es bei der Sicherheit eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft" in Bayern.

Mein Rat an alle, die gut behütetet zu Bett gehen wollen: Zieht irgendwo hin, wo noch genügend Polizisten da sind.Brief eines Polizeibeamten an unsere Zeitung
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