Pierre Pincemaille in St. Josef
Die Hohe Kunst der Improvisation

Pierre Pincemaille (links) spielte in St. Josef. Begleitet wurder er von seinem Assistenten und Lehrling Lars Amann (rechts). Bild: dok

Pierre Pincemaille ist seit 1987 Organist von Saint-Denis bei Paris, der Grablege der französischen Könige vom 10. Jahrhundert bis 1830. Die dortige Orgel mit 69 Registern erbaute Aristide Cavaillé-Coll, einer der weltbesten Orgelbauer, von 1833 bis 1841. Pincemaille, der bald seinen 60. Geburtstag feiert, hat internationale Wettbewerbe für Improvisation gewonnen. Er demonstriert diese Kunst an der Eisenbarth-Jann-Orgel (1983/2009, 52 Pfeifenregister) in der Weidener Kirche St. Josef mit einer 40-minütigen viersätzigen Symphonie.

Dreifaltigkeit im Präludium


Den Anfang macht er mit einem Triptychon komponierter Literatur. Das theologische Thema von Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 ist die Dreifaltigkeit. Im Präludium stehen eine majestätische französische Ouvertüre als Symbol für Gott Vater, ein herabsteigendes Akkordmotiv für Gott Sohn, ein bewegt fugiertes für den Heiligen Geist. Dem entsprechen drei Fugen, deren Themen sich kombinieren lassen: drei Personen, ein Gott. Die lebendige, nie taktstrichstarre Interpretation hinterlässt auch Fragen: Die Auftakte im Präludium schwanken zwischen notierten Achteln und Sechzehnteln. Manche der kurzen Pedalnoten gehen unter. Vor allem in der zweiten Fuge überraschen rhythmische und technische Unstimmigkeiten.

"Prélude, Fugue et Variation, op. 18" von César Franck spielt Pincemaille zügig, man würde eher auf ein Allegro moderato als das vorgegebene Andantino tippen. Zwingend gelingt ihm der Choral "varié, op. 4" von Maurice Duruflé über "Veni Creator Spiritus". Er ist in seinem Element angekommen. Grandiose Musik ereignet sich in der improvisierten Symphonie. Ihr musikalisch-motivisches Material stellt Pincemaille voraus: "Ave maris stella" (Meerstern ich dich grüße) und "Vexilla Regis" (Hymne auf das Kreuz Jesu Christi). Die Symphonie kreist um das Lob der Mutter Gottes und um das Kreuz, das durch den Tod das Leben gibt. Auf dieser Basis errichtet der Organist klare Strukturen: Zwei gegensätzliche, von den Hymnen abgeleitete, Themen im Eingangs-Sonatensatz, im A- und B-Teil des Scherzo, im Finale. Im Adagio erklingt ein schier unendlicher Gesang, der eines Olivier Messiaen würdig wäre.

Hochvirtuose Techniken


Stets die Tonalität im Blickfeld bedient sich Pincemaille hochvirtuoser Spieltechniken: Läufe, Arpeggien, Akkordblöcke. Alles erscheint "con spirito" im Kontext der Aussage, nie als blendend-eitle Showeffekte. Wie intuitiv lässt er sich davon leiten, was die Orgel will und kann: Edle Principale, weiche Flöten, zeichnende Streicher und immer wieder der fundamentale 32' im Pedal.
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