Privatdozent Stefan Wimmer spricht über Christentum, Islam und Judentum
Es gibt nicht nur Gut und Böse

Es war hauptsächlich ein Plädoyer für Toleranz, Wahrheit und gegen Vorurteile, das der Historiker und Ägyptologe Stefan Jakob Wimmer verkündete. Bild: Bühner

Stefan Wimmer schildert die Welt im Alten Testament so, als hätte er damals gelebt. Als menschliches Lexikon kann er alle Fragen über die damalige Zeit beantworten. So kommt er zu Einsichten, die weniger verbreitet sind.

Wieder einmal hatte der Freundeskreis Evangelische Akademie Tutzing mit der Wahl seines Referenten einen Glücksgriff gelandet. Wer diesen Vortrag besuchte, um tiefere Einsichten über Religion und Menschheit zu bekommen, kam voll auf seine Kosten. Das Thema "Vom alten Orient ins Europa unserer Zeit - Den Wurzeln der Religionen auf der Spur" klingt zunächst etwas museal. Doch was Privatdozent Stefan Jakob Wimmer, Doktor der Philosophie aus München, vortrug, zielte mitten in die heutige Konfliktwelt zwischen den Religionen. Zusätzlich hielt der Referent vielen Zeitgenossen einen Spiegel vor, indem er betonte, dass vereinfachende Kategorisierungen in Gutes und Schlechtes an der Realität vorbeigehen.

Großes Wissen


Der Referent sprach völlig ohne Vorlage und schöpfte offensichtlich aus einem unendlichen Schatz an historischem Wissen. Fasst man die Kernaussagen des Vortrags zusammen, steht ein Satz ganz oben: "Wir dürfen die Fronten nicht zwischen den Religionen ziehen, sondern zwischen Menschen, die bereit oder nicht bereit sind, friedlich miteinander zu leben." Ein anderer zentraler Satz lautet: "Die Wahrnehmung der jeweils anderen Religion hat wenig mit der tatsächlichen Wirklichkeit zu tun." Wimmer machte dies an seinem siebenjährigen Aufenthalt in Jerusalem fest, vor allem daran, wie er als Christ dort von den Juden gesehen wurde.

Die dritte wichtige Aussage: "Es gibt für die meisten Geschehnisse im Altertum in den Schriften der Religionen keine historischen Quellen." Die Darstellung dieser Geschehnisse basiere immer auf einem zeitgenössischen Sprachbild. Dies gelte ganz besonders für den Koran und die Welt im Zeitalter des letzten Propheten. Wimmer griff bei seinen Aussagen auf die Entwicklungsgeschichte von Islam, Christentum und Judentum zurück. Vor der Trennung der Religionen gab es eine - in der Sprache des Christentums - alttestamentarische Zeit von Abraham, Noah, König Saul, Salomon und anderen. Diese Zeit stelle das gemeinsame Fundament aller drei Religionen dar, führte Wimmer aus.

Allerdings werde aus der späteren Sicht der Religionen auch schon diese Zeit im Alten Testament des Christentums, im Koran des Islam und im Talmud der Juden etwas unterschiedlich dargestellt. Wimmer machte dies am Beispiel Abraham fest. Die spätere Darstellung seiner Lebensumstände lasse darauf schließen, dass es im Islam üblich sei, zwei Frauen zu haben, im Christentum jedoch nicht.

Mit Friedlichen verbünden


Ausführlich widmete Wimmer sich dem Thema Gewalt in den heiligen Schriften. Sein Fazit: Im Alten Testament, teilweise auch im Neuen Testament sowie in der tatsächlichen Geschichte des Christentums spiele Gewalt eine größere Rolle als im Islam. Wimmer unterscheidet im Islam auch zwischen kulturellen Entwicklungen und Wortlaut im Koran. "Im Koran kommen Schwert und Kopftuch nicht vor", sagte er und appellierte an die Zuhörer: "Verbünden wir uns mit Muslimen, die ihre Religion friedlich interpretieren."

Zur PersonStefan Jakob Wimmer lehrt als Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und ist zudem an der Orientabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek tätig. Wimmer hat in Jerusalem studiert und dort den akademischen Grad eines philosophischen Doktors erworben. Zusammen mit dem im Jahr 2012 verstorbenen Alttestament-Forscher Prof. Dr. Dr. Manfred Görg hat Wimmer im Jahr 2001 die Gesellschaft Freunde Abrahams e. V. gegründet. Der Verein nennt sich auch Gesellschaft für religionsgeschichtliche Forschung und interreligiösen Dialog. Er hat das Ziel, auf wissenschaftlicher Basis für die interreligiöse Verständigung, insbesondere zwischen den großen monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam zu werben. (sbü)
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