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Wege aus dem Weihnachtsstress

Weihnachten ist das Fest der Liebe - doch in der Realität gibt es oft viel Stress oder sogar Streit. Archivbild: dpa

"Schrille Nacht" statt "Stille Nacht" heißt es häufig nach Wochen der kunstvoll aufgebauten Spannung: Das Weihnachtsfest ähnelt in vielen Familien eher einem Stresstest als dem besinnlichen "Fest der Liebe", das es eigentlich sein sollte.

Amberg-Sulzbach/Weiden . Am 24. Dezember überstürzen sich die Ereignisse, und es treffen sich Menschen, die sich sonst das ganze Jahr über geflissentlich aus dem Weg gehen. Und doch sollen alle an Heiligabend friedlich und fröhlich zusammen feiern. Das Weihnachtsfest birgt Konfliktpotenzial - doch man kann damit umgehen lernen.

Hans-Peter Pauckstadt Künkler, evangelischer Pfarrer in Weiden und Vater von drei leiblichen sowie drei Stiefkindern, hat einen ganz simplen Ansatz: "Wichtig ist, dass man entspannt feiert", sagt er. "Perfektionisten haben an Weihnachten schon mal Stress." Sie gerieten einfach schneller unter Druck, vermutet der Seelsorger. Sein Vorschlag: "Eine klare Rollenverteilung zu Hause und ein festes jährliches Ritual können helfen. Dann ist auch eher die Freude da, dieses Fest der Liebe gemeinsam zu feiern." Wie seine eigene Familie das gelöst hat, erfahren unsere Leser unten im Kasten.

Überzogene Erwartungen


Auch Andreas Engel aus Hof, langjähriges Mitglied der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) mit Sitz in Fürth, sieht die überzogene Erwartungshaltung vieler Menschen als Stressfaktor. "Man denkt dann, alles muss funktionieren." Hinzu komme die Konsumorientierung unserer Zeit: "Man will unbedingt etwas Besonderes kochen und schenken. So setzt man sich aber selbst unter Druck."

Engel, der als Psychologe und Psychotherapeut in der Erziehungsberatung tätig war, will den Weihnachtsstress trotzdem nicht nur negativ sehen. "Stress kann ja auch positiv wirken. An Weihnachten wächst einem aber halt leider leicht alles über den Kopf." Die simple Gegenmaßnahme: nicht alles mitmachen! "Man muss sich ein Stück weit frei machen von dem ganzen Druck, der auch durch Wirtschaft und Werbung ausgeübt wird", rät Engel und empfiehlt eine gelassene Herangehensweise.

Aufs Wesentliche achten


Dabei helfe es, sich auf die Kernbotschaft des Festes zu konzentrieren - unabhängig davon, ob man gläubiger Christ ist. "Es ist die ruhige, dunkle Zeit, das Jahresende - da bleibt man eher zu Hause und kann auch eher beziehungsorientiert leben." Gerade Familien sollten nun Zeit miteinander verbringen und gemeinsam etwas unternehmen.

Was aber, wenn schon Kinder am Konsum hängen? Psychologe Engel stellt klar: "Wünschen kann man sich alles. Es ist aber auch die Aufgabe der Erwachsenen, das ein bisschen ,einzufangen." Eine Möglichkeit sei, die größten Herzenswünsche zu erfüllen, darüber hinaus aber eher "Zeit zu verschenken - man kann gemeinsam etwas unternehmen oder auch Gutscheine verschenken, etwa für eine Höhlenwanderung oder einen Besuch auf einer Burg". Gerade bei jüngeren Kindern bis zum Ende des Grundschulalters stünden ohnehin gemeinsame Zeit mit den Eltern und die Beziehung zu ihnen im Vordergrund, weniger der Konsum. Mit älteren Kindern, sagt Engel, ließe sich durchaus besprechen, für welche Wünsche ausreichend Budget in der Familie vorhanden sei.

Wenn Weihnachten trotzdem die Nerven blank liegen, empfiehlt der Experte ein "Time out". "Man sollte die Situation dann verlassen, zum Beispiel einen Spaziergang machen, einfach raus aus der Spannung gehen." Alternativ könnten Eltern auf Ablenkung setzen: "Spontan gemeinsam ins Kino gehen oder zusammen einen Kuchen backen." Auch Stress durch Verwandtenbesuche sei kein unabänderliches Schicksal. "Familientraditionen lassen sich ändern und man sollte da durchaus selbstbewusst sein. Wichtig ist, sich nicht als Opfer zu sehen, sondern sich als eigenständig Handelnder zu erleben."

Am runden Tisch


Engel rät generell dazu, sich bereits zu Beginn der Vorweihnachtszeit mit allen Stressfaktoren auseinanderzusetzen. "Ein runder Tisch ist immer gut. So können alle gemeinsam überlegen und entscheiden, wie man Weihnachten handhaben will. Vielleicht muss dann die Mutter zum Beispiel nicht kochen, weil das jemand anders übernimmt." Neue Wege sollten einfach mal ausprobiert werden. Frohes Fest!

Weihnachten im PfarrhausHans-Peter Pauckstadt-Künkler kennt Weihnachten aus zwei Perspektiven - als evangelischer Pfarrer der Gemeinde Rothenstadt und als Vater in einer großen "Patchwork"-Familie. Wir fragten nach, wie Eltern und bis zu sechs Kinder im Rothenstädter Pfarrhaus das Fest begehen.

"Beim Pfarrer findet das Feiern zwischen zwei Gottesdiensten statt", erzählt Pauckstadt-Künkler: "Nachdem die Familiengottesdienste in Rothenstadt und Etzenricht vorbei sind, treffen wir uns zu Hause im Wohnzimmer. Dann gibt es erst einmal heißen Punsch oder Tee für alle." Anschließend werden die - echten - Kerzen am Christbaum entzündet. "Und natürlich liegen auch bei uns Geschenke unterm Baum."

Im Teenager-Alter, erzählt der mehrfache Vater, hätten die Geschwister untereinander mit dem "Wichteln" begonnen. "Sonst hätte ja jedes Kind fünf Geschenke besorgen müssen." So kaufte jeder nur ein Präsent - "halt was Allgemeines, das alle gut brauchen können" - und an Heiligabend wurde gelost. "Das Gute bei so vielen Geschwistern ist ja, dass man tauschen kann", findet Pauckstadt-Künkler. Natürlich lagen aber immer auch persönliche Geschenke der Eltern und Verwandten unterm Baum, so dass "kein Kind zu kurz gekommen ist."

Nach der Bescherung gibt es traditionell Fondue. "Da kann jeder essen, was ihm schmeckt", sagt der Pfarrer. Außerdem sei es Brauch gewesen, dass am Vormittag alle Kinder in der Küche bei der Vorbereitung des Festmahls geholfen haben. Um 21 Uhr besuchte die Familie dann die vom Vater geleitete Christmette in der Rothenstädter Kirche.

Eine Stunde später saßen wieder alle gemeinsam im Wohnzimmer. "Jeder hat was zu erzählen, und wir haben immer auch viele Spiele ausprobiert. Denn die wurden bei uns gern verschenkt", erinnert sich Pauckstadt-Künkler. (m)


Man muss sich ein Stück weit frei machen von dem ganzen Druck, der auch durch Wirtschaft und Werbung ausgeübt wird.Diplom-Psychologe Andreas Engel aus Hof, "Bundeskonferenz für Erziehungsberatung"


Wichtig ist, dass man entspannt feiert.Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler
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