Prozess gegen 20-jährigen Studenten wegen gefährlicher Körperverletzung
Freunde präsentieren Täter

Ist es tatsächlich möglich, dass mit dem 20-jährigen Studenten ein völlig Unschuldiger auf der Anklagebank sitzt? Vier seiner Eishockey-Freunde wollen den "Ultra" herauspauken. Sie bezichtigen übereinstimmend einen ganz anderen Weidener (27) der Tat. Er, ebenfalls Blue-Devils-Fan, soll dem Opfer an Silvester im Park gegen den Kopf getreten haben.

Warum sie damit erst jetzt daherkommen? Die Jungs versichern am Donnerstag übereinstimmend, dass sie monatelang nichts unternommen hätten, weil sie davon ausgingen, der wahre Täter hätte sich längst gestellt und das Verfahren gegen den Freund sei eingestellt.

Erst als im November die Zeugenvorladungen ins Haus flatterten, wurden die Kumpels aktiv. Die Zeugen vom Donnerstag gründeten umgehend eine Whatsapp-Gruppe "intern", in der sie ihre Aussagen diskutierten. Mit Absprache habe das nicht zu tun. Man habe nur ausgemacht, jetzt nicht mehr zu lügen. "Wir müssen endlich die Wahrheit sagen. Dieser Alptraum muss für unseren Freund ein Ende haben."

Zwei schrieben sogar Briefe an das Gericht. Kernaussage: Wir haben bei der Polizei verschwiegen, dass wir den Täter kennen, nämlich den 27-Jährigen. Bei den Vernehmungen durch die Polizei im Januar hatte ihn kein einziger genannt. "Nie und nirgends", sagt Staatsanwalt Peter Frischholz. Jetzt sind sich alle "hundertprozentig" sicher. Zwei wollen mit eigenen Augen gesehen haben, wie er das Opfer gegen den Kopf trat. Den anderen beiden soll der 27-Jährige vom "Elfmeter" erzählt haben.

In U-Haft sitzen lassen


Richter Otmar Schmid, Vorsitzender des Jugendschöffengerichts, stellt die Gretchenfrage: "Warum haben Sie Ihren Freund dann in U-Haft sitzen lassen?" Auch der damals 19-jährige Abiturient wies nicht etwa bei seiner Festnahme am 9. Januar auf den 27-jährigen als Täter hin, sondern erst einige Tage später. Er war rund 14 Tage in Untersuchungshaft. Vor Gericht schweigt er.

"Lügen erfordert hohe Intelligenz", warnt der Staatsanwalt. Er droht mehrmals Haft an. Gegen einen Zeugen hat er bereits ein Verfahren eingeleitet. Denn klar ist: Egal, was nun stimmt - jeder hat gelogen. Entweder bei der Polizei, dann wäre es Strafvereitelung, oder vor Gericht, dann ist es Falschaussage. Der Richter warnt vor "falschem Corpsgeist".

Die sieben Zeugen der letzten Tage, darunter Freunde des Opfers, aber auch Unbeteiligte, hatten alle den Angeklagten als Treter identifiziert. Unstreitig ist nur die Vorgeschichte der gefährlichen Körperverletzung: Angeklagter und Opfer gerieten vor dem Cube aneinander. Eine Traube von Schaulustigen folgte ihnen zum Woodstockhügel, wo sie einen Faustkampf 1:1 austrugen - der Angeklagte mit nacktem Oberkörper. Drei, vier Hiebe ohne Folgen. Als alles schon rum war, kam es zur Rangelei. Der angeklagte Mittäter drückte das Opfer in den Schnee. Es folgte der Fußtritt an den Kopf mit beinahe tödlichen Folgen. Für den Angeklagten stehen aus Sicht des Staatsanwalts vier Jahre im Raum.

Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, wird weiter ermittelt. Weitere Zeugen werden benannt. Erst diese Woche ließ der Staatsanwalt Wohnungen durchsuchen und Handys sicherstellen. Wichtige Audio-Whatsapps wurden am Donnerstag eingespielt. Darin drängt der Mittäter den 27- Jährigen, zur Polizei zu gehen. Der kontert: "Warum soll ich hingehen und sagen, ich habe ihn gestiefelt. Dann soll A (der Angeklagte) und der B auch gehen und sagen, sie haben zugetreten." Der zweite Genannte wird inzwischen als weiterer Beschuldigter geführt.

Ohnehin lässt der umfangreiche Whatsapp-Verkehr tief blicken. Am Tag nach Neujahr schreibt der Angeklagte an einen unbeteiligten Freund, dessen Vater Jurist ist: "Hey, ich brauche einen guten Anwalt, weil wir echt in eine Scheiße reingeraten sind. Ich glaub, dieses Mal kommt es echt zur Gerichtsverhandlung." Auf Nachfrage spricht er von "großer Action im park": "Einer von denen liegt in Reg (Regensburg), voll im Arsch."

"Anständige" Ultras


Die Zeugen kommen als brave Buben im Hemd. "Sie geben hier den anständigen Kerl", sagt der Staatsanwalt. "Und in den Chats schreiben Sie von Hunden, die man prügeln muss." Zeugen und Angeklagter diskutieren per Whatsapp, ob man im Bayreuther Stadion Bengalos zündet und wie man in der Kurve dem "Fan-Spast" von der Gegenseite zeigt, wie hart man sei. Am Freitag sind weitere Zeugen geladen, darunter der 27-Jährige, der mit Anwalt aussagt.
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