Rätselraten um Renteneinkünfte des wegen Mordes verurteilten Oliver H.
Mordsmäßige Rechenkünste

Für den Mord an dem kleinen Maxi verurteilte das Schwurgericht Weiden Oliver H. zu einer lebenslangen Haftstrafe. Die Frage des Geldes spielte da selbstverständlich nur eine untergeordnete Rolle. (Foto: gsb)

Der Fall Oliver H. sorgt für Staunen. Wie kann ein Mann, der noch dazu selbst Vater ist, einen Neunjährigen derart quälen, letztlich sogar töten? Ein anderer Aspekt: Wie kann ein 34-Jähriger, der nur rund fünf Jahre seines Lebens gearbeitet hat, fast 2700 Euro Rente beziehen?

Zwei Fragen, die sich viele Zuhörer am Rande des Verfahrens stellten. Für den Mord an dem kleinen Maxi verurteilte das Schwurgericht Weiden Oliver H. zu einer lebenslangen Haftstrafe (noch nicht rechtskräftig; wir berichteten). Die Frage des Geldes spielte da selbstverständlich nur eine untergeordnete Rolle. Doch die Einkünfte des 34-Jährigen, die vor Gericht bekannt wurden, verblüfften Zuhörer und viele NT-Leser gleichermaßen.

2660 Euro Rente mit 34


Manuela Scheidler, eine Buchhalterin bei der Kripo, hatte die Finanzen des Angeklagten unter die Lupe genommen. Demnach bezog Oliver H. eine private Berufsunfähigkeitsrente von 1260 Euro plus eine gesetzliche Rente von 1400 Euro pro Monat. Zusammen mit dem Kindergeld für seinen Sohn (Jahrgang 2008) machte das rund 3000 Euro im Monat. Doch wie kommt es zu 1400 Euro gesetzlicher Rente, wenn jemand nur fünf bis sechs Jahre seines Lebens berufstätig und auch bei der Bundeswehr bereits nach wenigen Monaten wieder ausgeschieden war?

Eines ist klar: Die private Berufsunfähigkeitsrente richtet sich nach den Konditionen des jeweiligen Vertrags und in solchen Dingen scheint der 34-Jährige ein glückliches Händchen zu haben. Dass er erwerbsunfähig ist, hatten ihm 2006 zwei Gutachter bestätigt. Sie attestierten dem jungen Mann eine kombinierte Persönlichkeitsstörung sowie depressive Episoden, die zumindest eine weitere Ausübung der Pflegetätigkeit unmöglich machten.

Aus dieser Pflegetätigkeit resultieren letztlich die gesetzlichen Rentenansprüche von Oliver H., wie er vor Gericht angab. Demnach war er von 2000 bis 2005 bei einem Bekannten als Pflegediensthelfer tätig. Er versorgte dessen kranken Sohn, der offenbar eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigte. Oliver H., der die Hauptschule mit dem "Quali" abgeschlossen hat, hatte dafür einen vierwöchigen Kurs zum Pflegediensthelfer bei den Maltesern absolviert, anschließend noch vier bis sechs Wochen Anleitung im Klinikum Weiden.

Klingt nicht nach einer umfassenden und fundierten Ausbildung als Pflegefachkraft. Und ist es auch nicht, wie der Name Pflegediensthelfer schon sagt. Ohne diesen speziellen Fall zu kennen, ist laut Dirk Manthey von der Pressestelle der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV Bund) allenfalls eine sehr grobe Rückrechnung möglich. Demzufolge müsste ein heute 34-Jähriger, der fünf Jahre lang berufstätig war und mit 25 Jahren erwerbsunfähig wurde, rund 2800 Euro im Monat verdient haben. "Das sind rund 33 500 Euro im Jahr und liegt damit etwas über dem bundesweiten Durchschnittseinkommen von 2005, das laut Statistik 29 202 Euro betrug."

Die Besonderheit: Wer in jungen Jahren berufsunfähig wird, dessen Rente berechnet sich nicht nur nach den tatsächlich geleisteten Beiträgen, sondern es gibt eine sogenannte Zurechnungszeit. Das heißt: Das Einkommen des Betroffenen wird bis zum 62. Lebensjahr (2005 galt die Grenze 60. Lebensjahr) hochgerechnet. Auch die fiktiv fälligen Beiträge werden dann bei der Rentenzahlung berücksichtigt. Die Folge: "Wenn jemand in jungen Jahren sehr gut verdient hat, kann er so auf eine hohe Rente kommen, selbst wenn er nur wenige Jahre erwerbstätig war", bestätigt Siegfried Bergmann, Geschäftsführer des VdK Weiden.

2800 Euro im Monat sind für eine angelernte Kraft von Anfang 20 kein schlechter Lohn. Als Pflegegeld kann diese Summe allerdings nicht geflossen sein, betont Hans Liedl von der Pflegekasse der AOK Weiden. "In der ambulanten Pflege werden bei Pflegestufe III maximal 1612 Euro im Monat gewährt. Abrechnen kann aber nur ein zugelassener Pflegedienst", sagt Liedl und fügt hinzu: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand als Privatperson so eine Zulassung erhält."

Verschiedene Quellen


Bleibt noch die Möglichkeit, dass der Bekannte von Oliver H. dessen Monatsgehalt aus eigener Tasche auf 2800 Euro aufgestockt hat. Oder, was vor Gericht ebenfalls zur Sprache kam. Oliver H. kassierte teilweise absurde Summen für Pflegetätigkeiten, die er für Bekannte übernahm. So flossen für acht Wochen Betreuung des kleinen Maxi von Juni bis August 2014 angeblich 8000 Euro. In den ersten sechs Wochen war ein Bekannter von Oliver H. als Pflegekraft eingesetzt. Die letzten zwei Wochen übernahm Oliver H. selbst.

Für acht Wochen 8000 Euro, das ist ein Wahnsinn. Das kann ich nicht nachvollziehen.Hans Liedl von der Pflegekasse der AOK

"Für acht Wochen 8000 Euro, das ist ein Wahnsinn. Das kann ich nicht nachvollziehen", sagt AOK-Experte Hans Liedl. Er selbst kommt auf ein Maximum von 2418 Euro bei sechs Wochen Verhinderungspflege, also wenn die Mutter beispielsweise auf Reha ist, wie im Fall von Maxis Mama. Für mehr als sechs Wochen pro Jahr werden keine Leistungen gewährt. Oliver H. muss also noch andere Quellen angezapft haben, die selbst für Insider nicht so offensichtlich sind. Der Mann verfügt offenbar über mordsmäßige Rechenkünste.

1 Kommentar
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Johannes Zeug aus Waidhaus | 10.11.2016 | 13:12  
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