Rechtsmedizin schließt Unfall oder Selbstverletzung aus, zweifelt an Duschkopf als Tatwaffe
Am besten passt die Faust

(Foto: dpa)

Im Prozess gegen Oliver H. (34) wegen Totschlags sagt am Montag ein Rechtsmediziner aus. Aus seiner Sicht scheiden ein Unfall oder Selbstverletzung aus. Maximilian (9) starb durch eine "sehr energiereiche Gewalteinwirkung" auf den Kopf. Nur: Durch wen?

Der Angeklagte und die Mutter des Kindes bezichtigen sich gegenseitig. Er sagt: Sie hat mit dem Duschkopf zugeschlagen. Sie sagt: Er hat ihn verprügelt, es hörte sich an "wie Schläge auf einen Box-Sack". Prof. Peter Betz hat die Leiche untersucht und kommt zum Schluss: Wahrscheinlicher ist ein Fausthieb. Der Duschkopf scheidet eher aus.

Der Leiter des rechtsmedizinischen Instituts Erlangen stellte bei dem Kind "eine Vielzahl" an Hämatomen fest. An Kopf, Lenden, Genitalien. Alte und neue, teilweise überlagernd. Für entscheidend hält er eine Einblutung an der linken Schläfe, korrespondierend zu einer Hirnblutung im rechten Hinterkopf. Das wäre typisch. Das Gehirn gerät in Schwingung und prallt im Kopf gegen den Schädel - wie beim Schleudertrauma eines Babys. In der Folge schwoll das Gehirn von Maximilian an. "Irgendwann kann es nur noch in Richtung Rückenmark ausweichen." Die Organe versagen.

Vom Duschkopf als Tatwaffe hält Betz wenig: "Mit dem Duschkopf könnte der Schädel gar nicht so in Schwingung gebracht werden." Auch mit einem Sturz in der Duschwanne oder gar einer Selbstverletzung (Kopf gegen die Wand) sei die Verletzung nicht zu vereinbaren. "Ich kann Ihnen nur sagen, wie es nicht passiert ist", bedauert Betz. "Möglich ist viel."

Damit wäre die Kindsmutter praktisch aus dem Schneider. Wenn Betz nicht am Ende vor alles ein großes "Aber" setzen würde. Er will sich von Verteidiger Ulrich Dost-Roxin nicht festlegen lassen. Er verwende nie den Begriff "ausschließen". Betz: "Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich gleich tot umfalle. Aber ich habe Zweifel daran." Auch den Todeszeitpunkt kann er nicht eingrenzen. Gut möglich, dass Maximilian nach dem Schlag aufrecht stehen konnte und noch mehrere Stunden lebte. Wie bei Boxern, "die wackeln ein bisschen und stehen wieder auf." Unbehandelt folgen Erbrechen, Kopfweh, Schläfrigkeit - und der Tod.

Laut Mutter wurde Maximilian am späten Freitagabend, 4. August 2014, vom Angeklagten verprügelt. Nachts schlief ihr Sohn auf der Wohnzimmercouch des Angeklagten. Am Samstagmorgen holte Oliver H. den Rettungsdienst, weil das Kind nicht mehr aufwachte. Notärzte und Sanitäter machten 45 Minuten lang Wiederbelebungsversuche. "Aus meiner Sicht hat das schon Sinn ergeben", sagt der Notarzt aus Vohenstrauß. "Das Kind war leblos, aber warm."

Zellengenossen sagen aus


Am Montag sagen vor Gericht auch drei Mithäftlinge aus. Sie waren Anfang des Jahres mit dem Angeklagten auf der Krankenstation einer JVA untergebracht. Die Zellennachbarn lassen kein gutes Haar an dem 34-Jährigen. Einem davon berichtete der Angeklagte nach einigen gemeinsamen Wochen von den Misshandlungen an den Kindern (Maximilian und seinem eigenen Sohn). "Die Jungs hätten Schläge gekriegt. Mussten beim Sex zugucken. Er habe sie mit Abbrühen gestraft." Der 50-Jährige rastete aus, als ihm der Angeklagte das alles gestanden haben soll. "Ich habe ihn an die Wand gedrückt." Der Angeklagte zeigte ihn wegen Körperverletzung an. Dem Gericht hilft das wenig: Über die konkrete Tatnacht kann der 50-Jährige wenig Auskunft geben.

Für den Häftling war die größte Enttäuschung, dass er selbst dem Angeklagten anfangs "alles geglaubt" habe. Man habe sich über die jeweils schlechte Kindheit ausgetauscht. Der Angeklagte habe ihm erzählt, dass ihm ein Kindermord untergeschoben würde. "Ich Depp bin voll drauf angesprungen. Das war sein Spiel."

Briefe aus Haft


Oliver H. ist es gelungen, aus dem Gefängnis Briefe nach draußen zu schmuggeln. Er nutzte die Adresse eines Mithäftlings. Mittels dieser Briefe soll er die Aussage seines Sohnes beeinflusst haben. Ein Kriminalbeamter erinnert sich an die Vernehmung des Erstklässlers. "Er hat kaum etwas gesagt. Und am Ende der Vernehmung meinte er, dass er jetzt ein Geschenk bekomme, weil er den Papa nicht belastet hat." (Seite 3)

Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich gleich tot umfalle. Aber ich habe Zweifel daran.Professor Dr. Peter Betz, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.