Rechtsmediziner bei Fortbildung des Ärztlichen Kreisverbandes
Inka-Leiche im Moor

Prof. Dr. Oliver Peschel erläuterte die vielfältigen Aufgaben der Rechtsmedizin beim Ärztlichen Kreisverband in sehr anschaulicher Weise. Bild: Wirtz-Roegner

Einen interessanten Blick ins Herz, allerdings erst dann, wenn es nicht mehr schlägt: Den gewährte Prof. Dr. Oliver Peschel von der Gerichtsmedizin München bei einer Fortbildung des Ärztlichen Kreisverbandes. Der Rechtsmediziner spannte einen Bogen von Ötzi in Bozen bis zum aktuellen ungeklärten Todesfall mit mysteriösen Einblutungen.

Rechtsmediziner Dr. Oliver Peschel, vor wenigen Tagen Professor geworden, wählte im Hotel "Zur Heimat" als Thema: "Ein Blick ins Herz. Was uns die Toten sagen." Bei der Eröffnung des Herzens ergebe sich vielfach ein völlig anderer Blickwinkel als vorher beim behandelnden Arzt. Rückschlüsse auf die Todessursache könnten erst dann zweifelsfrei gezogen werden.

Nach Schuss noch lebendig


Prof. Peschel erläuterte mit Bildern der obduzierten Geiselnehmer von München 1972 beim Olympiaattentat, dass der Schuss - mitten ins Herz - erst mit Zeitverzögerung tödlich sein kann. "Zeit zum Zünden der Handgranate bleibt". Konsequenzen seien aus dieser Erkenntnis gezogen worden. Auch bei Selbsttötungen könnten Schussverletzungen längere Zeit überlebt werden, wusste der erfahrene Rechtsmediziner. Er berichtete außerdem von einem durch Überwachungskameras festgehaltenen Sekundentod, der einwandfrei auf einen sehr schweren Herzinfarkt zurückzuführen war. "Erhebliche Strangulationsmerkmale und Einblutungen hätten auf Irrwege führen können."

Auch die ungeklärte Todesursache bei der Leichenschau und der plötzliche Tod eines 38-Jährigen seien bei der Obduktion erklärbar geworden. Der junge Mann sei niemals beim Arzt gewesen, obwohl sein Herzgewebe eine völlig veränderte Struktur aufgewiesen habe. In diesem Zusammenhang warnte der Rechtsmediziner vor unrichtigen Angaben durch den Patienten. Sie könnten das Diagnosebild erheblich verschleiern.

Aber auch der Arzt könne versucht sein, "nur das zu sehen, was er erwartet und sehen will". Die Folge könnten Anschuldigungen wegen Kunstfehlern sein. Eine äußerst sorgfältige Dokumentation der Behandlung empfahl daher Prof. Peschel außerdem. Interessant wurde es auch, als der Referent über "die Moorleiche aus dem Dachauer Moos" berichtete. Jahrzehntelang wurde sie in der Archäologischen Staatssammlung in München in dieser Form vorgestellt. Auch dann noch, als sie am 22. September 1944 als Bombenopfer wieder aufgefunden wurde. Erst als ihre Todesursache als Stich einer Wanze in Südamerika festgestellt worden ist, erkannte man ihre wahre Herkunft. Prinzessin Therese von Bayern (1850 - 1925) hatte die Inka-Leiche von ihren beiden Expeditionen nach Südamerika als Souvenir mitgebracht.

Ötzi war verwundet


Bildgebende Verfahren seien oft sehr hilfreich bei Untersuchungen an Mumien, wusste Prof. Peschel. Als Konservierungsbeauftragter des 5000 Jahre unter Eis schlummernden Ötzi berichtete er auch in diesem "sehr interessanten und sehenswerten Fall" von neuen Erkenntnissen. Demnach hat Ötzi eine Wunde an der Hand mindestens drei Tage überlebt, bevor er am tödlichen Pfeilschuss - wahrscheinlich auf der Flucht - verstorben ist.

Abschließendes Thema war die Organentnahme für die Gewebebank (Hornhaut, Herzklappen). Sie könne erst nach Genehmigung durch die Angehörigen erfolgen.

Der kurz zuvor bei den Neuwahlen im Amt bestätigte Kreisverbandsvorsitzende Dr. Wolfgang Rechl bedankte sich beim Referenten "für den äußerst interessanten Vortrag - schon zum zweiten Mal in diesem Jahr".
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