Rechtsmediziner spricht im Prozess gegen Ted T. von "ganz erheblichem Kraftaufwand"
Klingenspitze steckte noch im Schädel

Bild: Götz
 
"Wir waren fast eine Stunde vor Ort, bis sie so stabil war, dass man sie nach Weiden transportieren konnte." Notarzt Prof. Dr. Holger Rupprecht

Weiden/Pressath. Prof. Dr. Peter Betz, Leiter der Rechtsmedizin Erlangen, ließ an der Lebensgefährlichkeit der Verletzungen keinen Zweifel: Ohne zeitnahe Versorgung wäre das Opfer der Messerattacke in Pressath gestorben. Die Frau wäre verblutet. In der Schädeldecke steckte noch die abgebrochene Messerspitze. Betz: "Sie müssen schon mit ganz erheblichem Kraftaufwand zustechen, damit eine Klinge abbricht."

Dass die 26-jährige Altenpflegerin überlebte, verdankt sie den schnellen Ersthelfern und einer ganzen Garde an Ärzten, die am Dienstag vor Gericht aussagte. Nebenklagevertreter Heiko Übler dankte jedem Mediziner im Namen seiner Mandantin für die geleistete Arbeit. Schon der Notarzt erwies sich am 23. Mai als Glücksfall. Prof. Dr. Holger Rupprecht schob in dieser Nacht Dienst. Um 3.43 Uhr wurde der 61-jährige Chirurg von der Rettungswache alarmiert, fünf Minuten später war er in der Bachstraße.

"Die Patientin lag in einer Riesenblutlache, sie war sehr schwach, eiskalt, hatte kaum Puls." Das Team gab Sauerstoff gegen den Schock, Morphin gegen die starken Schmerzen, legte eine Transfusion. Am meisten hatten Notarzt und Sanitäter damit zu tun, die Blutungen zu stoppen. "Sie hatte multiple Einstiche, die konnte man gar nicht zählen. Die Hände waren perforiert", berichtete Rupprecht. Selbst die 20-minütige Fahrt nach Weiden war undenkbar. "Wir waren fast eine Stunde vor Ort, bis sie so stabil war, dass man sie nach Weiden transportieren konnte."

Der Arzt der Notaufnahme in Weiden zog eilends zwei Kollegen hinzu. Gemeinsam untersuchten die drei Mediziner die vielen Wunden. Die Computertomographie zeigte eine abgebrochene Messerspitze in der Schädeldecke. "Wir entschieden uns, dass eine umfassende Versorgung bei uns nicht ausreichend durchzuführen ist." Die Weidener verabreichten noch eine Blutkonserve und versetzten die Frau in ein künstliches Koma. Der Neurochirurg aus Regensburg berichtete vor Gericht über die mehrstündige Operation, die an der Universitätsklinik folgte, bei der mehrere Chirurgen parallel operierten. Die Messerspitze saß so fest, dass er sie mit einer kleinen Fräse herausholen musste, ehe das Metallstück der Polizei übergeben wurde. Der Neurochirurg übernahm die operative Versorgung der Stiche an Hals und Kopf. Ein Stich in den Nacken war sechs Zentimeter tief. Zeitgleich kümmerte sich ein Handchirurg um die Hände der Patientin: ein Durchstich rechts und eine tiefgreifende Verletzung links. Prof. Betz wertete dies als "klassische Abwehrverletzung, wenn jemand die Hand schützend vorhält". Sein Kollege Prof. Stephan Seidl, ebenfalls von der Rechtsmedizin Erlangen, hatte die Blutspuren in der Wohnung untersucht. Sie decken sich ohne Widersprüche mit der Tatschilderung durch das Opfer. "Die Blutspuren zeigen eine ganz massive Dynamik des Tatgeschehens."


Wir waren fast eine Stunde vor Ort, bis sie so stabil war, dass man sie nach Weiden transportieren konnte.Notarzt Prof. Dr. Holger Rupprecht

3-D-Tatort-Rekonstruktion


Der Prozess wird am Mittwoch, 9 Uhr, fortgesetzt. Gehört werden Kriminalbeamte, gezeigt wird eine 3-D-Tatort-Rekonstruktion. Außerdem sind zwei Mithäftlinge von Ted T. geladen, mit denen er über die Tat gesprochen hat.
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