Regionale Unternehmen exportieren in das Vereinigte Königreich
Glas aus der Nordoberpfalz sichert englisches Kulturerbe

Die Glashütte Lamberts aus Waldsassen fertigte aktuell mundgeblasenes UV-Schutzglas für den Eingang "Great East Window" der gewaltigen Kathedrale von York: Auftragsumfang rund 100 000 Euro. Bild: Lamberts
 

Mehr als 100 Unternehmen aus der nördlichen Oberpfalz unterhalten Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien. Ein Brexit würde den Export erschweren. Bei einzelnen Firmen wird die "Bruchfestigkeit" der jahrzehntelangen Marktpflege auf den Prüfstand gestellt.

Weiden/Amberg. Eine Schlüsselrolle spielt die Glashütte Lamberts, die mundgeblasene Flachgläser in über 5000 Farben fertigt. Die Waldsassener Firma hilft, das kulturelle Welterbe Englands zu bewahren. UV-beständiges Schutzglas aus der Nordoberpfalz sichert die Westminster Abbey in London ebenso wie die Kathedrale von York, eines der mächtigsten sakralen Bauwerke Nordeuropas. Von wahren "Leuchtturm-Projekten" spricht Lamberts-Prokurist Robert Christ. Großbritannien sei bei der klassischen Kunst- und Schutzverglasung ein traditionell wichtiger Markt.

Nach dem Aus der englischen Glashütten sei das Geschäft in den vergangenen Jahren gewachsen, berichtet Christ. "Weltweit verblieben nur noch drei Glas-Manufakturen. Wir sind gerade dabei, den UK-Markt für uns auszubauen." England steuert bis zu 10 Prozent des Gesamtumsatzes von Lamberts bei (Exportanteil 70 Prozent). Christ erwartet durch einen Brexit "nicht absehbare Veränderungen der Rahmenbedingungen". Eine Abschottung durch den Austritt würde England, aber auch der EU und insbesondere den exportorientierten deutschen Betrieben schaden. Die Glashütte Lamberts sorgte mit einer Glasplastik immerhin für das offizielle Geschenk des englischen Unterhauses an die Queen zum Thronjubiläum.

Unwägbarkeiten befürchtet auch die Internetfirma Puzzle & Play aus Altenstadt/WN. Innerhalb von nur sechs Jahren entwickelte sich Großbritannien zum "sehr bedeutenden Absatzmarkt", der knapp zehn Prozent des Gesamtumsatzes generiert: mit einem eigenen UK-Webshop. "Wir schauen mit Spannung auf das Referendum", betont Geschäftsführer Franz Trescher. Man sehe jedoch die Konkurrenzfähigkeit im Falle des Brexit grundsätzlich als nicht gefährdet an. Denkbar seien neue "Anpassungs-Prozesse".

Für England teuer


Kupplungssysteme für Bau und Industrie liefert seit Jahrzehnten die Firma Lüdecke aus Amberg auf die Insel. Der britische Anteil beträgt nur etwa drei Prozent des Umsatzes. "Angst vor einem Brexit sollten die Briten selber haben", meint geschäftsführender Gesellschafter Klaus Herdegen. Er hofft auf "genügend vernünftige Leute" in England. "Ein Brexit würde sehr viel gefährden und wäre ein fatales Signal für die europäische Idee." Bürokratische Mehrarbeit - etwa Zoll-Formalien - wähnen weitere befragte Unternehmen wie die Firma Koppmann aus Weiherhammer. Der kleine Mittelständler beliefert in Großbritannien eine Handvoll Kunden mit Hartmetallscheiben für industrielles Glasschneiden: eine globale Marktnische.

"Ein Brexit macht es allen Beteiligten schwer und für England definitiv teurer", erklärt Hans-Jörg Schiffmann, bei Elektro-Fischer in Bärnau verantwortlich für den Export. Die Firma führt Säge-Linien nach UK aus. Ein Brexit werde den Export bürokratisch erschweren.

Artikel 50 des EU-VertragsWie geht es weiter, wenn die Briten für den Brexit stimmen? Zumindest in groben Zügen ist im EU-Vertrag seit 2009 festgelegt, wie ein Staat aus der Union austreten kann.

Der entscheidende Artikel 50 sieht vor, dass Großbritannien in einem ersten Schritt die Vertretung der EU-Staaten über seine Austrittsabsicht informieren müsste. Die Staats- und Regierungschefs würden dann unter Ausschluss des Vereinigten Königreichs Leitlinien für die Austrittsverhandlungen festlegen.

Die EU-Kommission oder ein anderes, von den Staaten ernanntes Gremium könnte im Anschluss mit Großbritannien ein Abkommen über die Einzelheiten des Austritts aushandeln. Dabei würde auch der Rahmen für die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur Union festgelegt werden.

An diesem Punkt müssten sich die Briten allerdings auf äußert schwierige Verhandlungen einstellen. Inkrafttreten könnte das neue Abkommen nämlich nur nach Zustimmung des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten. In letzterer Runde ist sogar eine qualifizierte Mehrheit notwendig.

Wenn kein Abkommen zustande kommt und keine Fristverlängerung gewährt wird, würde Großbritannien zwei Jahre nach dem Einreichen des Austrittsgesuchs ungeregelt aus der EU ausscheiden.

Ein solches Szenario wird allerdings wegen der für beide Seiten großen Risiken für äußert unwahrscheinlich gehalten. So könnte zum Beispiel Handel und Wirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen werden. (dpa)
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