Robin kämpft um Rückkehr in Alltag
Kleiner großer Kämpfer

Bild: Steinbacher
 
Auf dem Weg zurück in die Normalität: Vor wenigen Monaten noch fehlte dem sechsjährigen Robin aus Weiden die Kraft zum Radfahren. Blutkrebs und Chemotherapie schwächten ihn. Inzwischen geht es ihm wieder besser, auch wenn von Alltag für ihn und seine Familie noch keine Rede sein kann. Bild: Steinbacher
Eine ganze Region nahm Anteil, als der sechsjährige Weidener Robin Anfang des Jahres an Leukämie erkrankte. Inzwischen hat er eine Knochenmarkspende erhalten und ist wieder zu Hause. Nun kämpft Robin mit seiner Familie um die Rückkehr in den Alltag.

Der kleine Krieger sieht respekteinflößend aus. Das Gesicht von einer knallroten Maske verhüllt, in den Händen zwei Schwerter. Ein Ninja. Aus Plastik. Der sechsjährige Robin hat die Legofigur gepackt und wirbelt sie durch die Luft. "Mama, kämpf!"

Robins Mutter Katharina Gorka hat selbst eine Figur in der Hand und wehrt sich nach Kräften. Plastikschwert auf Plastikschwert. Klick, klick. Der Kampf endet an diesem sonnigen Oktobervormittag mit einem klaren Unentschieden - und lautem Gelächter.

"Ein Tritt"

Das Kämpfen haben die beiden Weidener gelernt in diesem Jahr. Monatelang, gegen Blutkrebs. Im Februar kam die Leukämie das zweite Mal zu Robin. Ein Rückfall - vier Jahre zuvor war er schon einmal erkrankt. "Ein Tritt", wie seine Mutter sagt. Er stieß die kleine Familie weit weg vom gewohnten Alltag. Denn bald war klar, dass nur eine Stammzellentransplantation das Leben des Kindes retten würde. Er setzte aber auch viel in Bewegung, von dem Gorka "nicht gedacht hätte, dass es das in diesem Ausmaß geben würde, und für das ich unglaublich dankbar bin".

Ein Unterstützerkreis rund um die Wasserballer des Weidener Schwimmvereins formierte sich, weil Robin zuvor bei ihnen trainiert hatte. Arbeitskollegen von den Naabtaler Milchwerken/Molkerei Bechtel sammelten Überstunden, die sie der Alleinerziehenden spendeten. Im Juni schließlich stellten die Helfer eine Typisierung in Weiden auf die Beine, um potenzielle Stammzellenspender für Robin und andere Leukämiekranke zu finden. Mehr als 2600 Menschen machten mit.

Ein passender Spender für Robin war zwar nicht darunter. Dafür fand sich aber bald darauf einer von anderswo in Süddeutschland. Die Transplantation war - Stand jetzt - erfolgreich. Nach Chemotherapie und Wochen auf der Isolierstation durfte Robin Anfang September wieder nach Hause. Seither kämpfen sie sich in den Alltag zurück. Die Munition dafür steht in der Küche.

Katharina Gorka zählt noch einmal nach. Auf einer Ablage neben Geschirr stehen sechs verschiedene Medikamente, die Robin täglich nehmen muss. Oben, im Regal über dem Herd, lagern außerdem noch Arzneien für die verschiedensten Notfälle. Die Werte des Sechsjährigen verbessern sich zwar stetig. Doch es wird noch lange dauern, bis das Immunsystem wieder auf Normalbetrieb läuft. Katharina Gorka und Robins Vater fahren deshalb immer noch zwei Mal pro Woche mit dem Kleinen zur Untersuchung nach Regensburg. Außerdem musste die 28-Jährige zum Schutz vor Infektionen Pflanzen aus der Wohnung räumen. Klamotten werden bei 70 Grad gewaschen, auch wenn da die Farben verlaufen. Und unter Menschen kann Robin oft nur mit Gesichtsmaske. Er sieht dann aus wie ein kleiner Ninja.

Aber es geht voran. Schritt für Schritt, Tritt für Tritt. Genug Lego. Robin ist nach draußen. Mit dem Rad durchpflügt er das gelbe Laub im Innenhof. An Ostern, sagt seine Mutter, ist er von einer Chemotherapie zurückgekommen und wollte auch aufs Rad. Aber er war zu schwach, um in die Pedale zu treten. "Das war der Tag, als er gesagt hat, er will sterben."



Gorka weiß, dass Rückschläge auch jetzt noch möglich sind. So wie sie auch von außen Tiefschläge verkraften musste. Es habe Leute gegeben, die ihr vorwarfen, all die Spenden in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Dabei floss das Geld, das so viele gesammelt hatten, vollständig in die Kosten für die Typisierung. Bis auf ein paar Spielzeuggutscheine für Robin habe sie keinen Cent in der Hand gehabt, sagt Gorka. Andere wiederum hätten gesagt: "Für Ausländer spende ich nichts", berichtet Gorka, die mit zwei Jahren von Polen nach Deutschland kam. "Die Menschen sind halt so, die reden."

Die Menschen sind aber nicht nur so. Sie handeln auch - zum Guten. Die vielen Leute, die sich typisieren ließen, die vielen Wildfremden, die noch immer Spenden sammeln: Das alles habe ihren Blick auf die Welt da draußen gewandelt, sagt Gorka. "Ich war baff." Auch Robin habe verstanden, dass sich da so viele für ihn einsetzen. Er sei stolz.

Prägende Wochen

Selbst darüber sprechen mag er nicht. Früher war er offen. Nach den vielen Wochen im Krankenhaus ist er aber Fremden gegenüber schüchtern geworden, schweigt, versteckt sich. Auch das Haar, das nach der Behandlung langsam wieder wächst hat sich geändert. Einst hellblond, sprießt es jetzt schwarz. Er ist ein anderer, irgendwie auch erwachsener, sagt seine Mutter.

Trotzdem bleibt das Ziel für den kleinen großen Mann erst einmal die Rückkehr in den Kindergarten, vielleicht Anfang 2016. Die Einschulung mussten sie wegen der Krankheit ja um ein Jahr verschieben. Und bis dahin suchen sie ganz einfach: "Normalität. Weil: Das war ja dieses Jahr kein normales Leben."

Normalität: Arbeiten, mit dem Sohn spielen, nicht mehr jeden Urlaubstag mit Krankenhausfahrten verbringen, vielleicht irgendwann wieder auf einen Christkindlmarkt - es sind die ganz banalen Dinge, von denen Gorka mit einem Lächeln erzählt. Es sind Dinge, die manchmal einfach nur "Knack" machen. So wie die Haselnüsse, die Robin gerade bei seiner Radfahrt unter dem Laub entdeckt hat. Essen darf er sie noch nicht, das Risiko für die Gesundheit ist zu groß. Aber aufmachen kann er sie ja schon mal. Robin hat sich einen Stein geholt und knackt geschickt eine nach der anderen. Seine Mutter schaut zufrieden. Sie sagt: "Jeder Krieger weiß, sich zu helfen."
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