Rockerprozess in Weiden
Bandidos knüppeln Blood Reds

Es war der Abend des 23. April. Ein halbes Dutzend Rocker der "Blood Reds" trifft sich vor der Felixkirche. Ein argloser Feierabendtreff. Wie ein "Rollkommando", so Richter Roland Güll, brausen gegen 22.10 Uhr vier, fünf schwarze BMW auf den Parkplatz. Fünf bis zehn Männer in "Bandido"-Kutten knüppeln mit Baseballschlägern die Konkurrenzrocker nieder: "Jetzt seid ihr dran!" Einer erleidet einen Schädelbasisbruch.

Weiden/Neustadt/WN. Dienstag, Amtsgericht Weiden. In der zweiten Reihe sitzen als Zuhörer "Bandidos". In der dritten "Blood Reds". Manche sind tätowiert bis über die beringten Ohren. Eine Kutte hat keiner an. Der Landgerichtspräsident hat ein Verbot erlassen. Beamte der Polizeiinspektion Weiden und Justizwachtmeister passen auf, dass nicht die Fetzen fliegen. Es werden nur böse Blicke getauscht. In ihrer Rockerehre sind sie alle "all for one and one for all".

Bis heute konnten nur wenige ermittelt werden, die an diesem Überfall beteiligt waren. Auf der Anklagebank sitzen ein 35-Jähriger und ein 27-Jähriger aus dem Landkreis, von Beruf Maler bzw. Lagerist. Der Ältere ist ein massiges Mannsbild mit kahlem Schädel, der Jüngere ein kleiner Schmaler mit Pomade. Sie waren die einzigen "Bandidos" in der Gegend, die bereits erkennungsdienstlich im Polizeicomputer waren. Jeweils ein unbeteiligter Zeuge erkannte sie auf Lichtbildvorlagen der Polizei. Das bleibt am Montag der wichtigste Beweis. Sie selbst sagen keinen Piep.

"Bandidos"? "Blood Red Section New City"? Hier, bei uns? "Wir waren völlig überrascht, dass bei uns am Felix sowas passiert", sagt der Polizist aus Neustadt/WN über den Frühlingsabend, als um 22.10 Uhr der Notruf einging. Er wurde von einer jungen Frau abgesetzt, die mit zwei Kumpels durch blanken Zufall mitten hinein geriet. Die Drei hatten sich "zum Ratschen" im Auto am Felix verabredet. Sie sahen die "Blood Reds" plaudern, "völlig unauffällig". Die Drei dachten sich auch nichts, als neben ihnen die Fahrzeugkolonne einparkte. Dann liefen hinten und vorne am Auto bewaffnete Kuttenträger vorbei. Es folgte "Mordsgeschrei". "Dann lag der Erste auf der Straße und Leute schlugen mit Baseballschlägern auf ihn ein." Der Spuk dauerte wenige Minuten. Dann rauschten die "Bandidos" wieder ab.

Die drei jungen Leute boten sich als Ersthelfer an. "Der eine blutete aus den Ohren, der andere aus der Nase." Die Frau erinnert sich: "Als ich gesagt habe, dass ich die Polizei schon angerufen habe, waren plötzlich alle weg." Als die Neustädter Gendarme eintrafen, standen nur noch die drei Zeugen da, die einige Kennzeichen notiert hatten. Bei der Fahndung stoppten die Streifen zwei Autos im Landkreisosten. Die Männer stiegen in ihren Kutten teils blutend aus. Um gleich zu versichern: "Sie werden keine Anzeige erstatten. Wir erfahren nichts. Sie haben kein Interesse an der Strafverfolgung", erinnert sich der Polizist. Er verschickte fleißig Ladungen an Zeugen. Kaum einer kam. Einmal kam die Vorladung zerrissen im Kuvert zurück.

Das Spiel wiederholt sich am Montag vor Gericht. Ein 42-jähriger "Blood Red" aus Vohenstrauß hat einen Schädelbruch erlitten. "Was ist damals passiert?", fragt Richter Güll. "Das wenn ich wüsste", sagt der ehemalige Wachmann. Er habe bedingt durch die Verletzung eine Amnesie erlitten. Das letzte, an das er sich erinnert, ist das Abendessen bei seiner Mutter. Auch ohne Schlag auf den Kopf fehlt bei den vier weiteren namentlich bekannten "Blood Reds" die Erinnerung. Man habe sich - übereinstimmend! - zu "Kaffee und Kuchen" vor der Kirche getroffen.

"Dann sind ein paar gerennt gekommen und schon hat es geplescht", sagt der Erste, ein 41-Jähriger. Und: "Ich will mei' Rouh." Ein 25-jähriger Schreiner war gerade austreten: "Bis ich g'schaut habe, war das rum." Der Dritte "war mit oben", hat aber "nichts beobachtet". Und dem Vierten musste das Ohr genäht werden, aber er hat nicht einmal das Wort "Bandidos" auf den Kutten erkennen können: "Der eine hat mir g'scheit das Licht ausgemacht." Der Staatsanwalt droht mehrfach Verfahren wegen Falschaussage an.

Die Verteidiger fordern Freispruch. Titus Lehmann sieht nicht als erwiesen an, dass die Angeklagten überhaupt am Tatort waren. Von neun Zeugen habe nur einer seinen Mandanten als alten Bekannten erkannt. Und das nicht am Abend der Tat, sondern erst, als ihm zwei Tage später die Fotos gezeigt wurden. Das gleiche gilt für den zweiten Angeklagten. Staatsanwalt Oliver Schmidt fordert zwei Jahre Haft. Die Männer seien schuldig der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung. "Ich kann nicht nachweisen, wer tatsächlich den Schläger schwang. Aber ich kann nachweisen, dass beide da waren."

Forderungen im Raum


Richter Güll entscheidet auf zehn Monate Haft - ohne Bewährung! "Sich hier reinhocken und nichts zu sagen" gebe ihm keinen Anlass für eine Aussetzung. Gegen die Urteile sind Rechtsmittel möglich. Sollten sie rechtskräftig werden, steht eine Zivilklage an. Anwalt Christoph Scharf vertritt als Nebenklagevertreter den Geschädigten mit Schädelbasisbruch, der bis heute unter den Folgen leidet und keine Arbeit mehr gefunden hat.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.