Rollstuhlfahrerin Gudrun Schuster: Hilfsbereitschaft ist oft "zu viel des Guten"
Sie meinen es nur gut

In ihrer Wohnung in der Weidener Fußgängerzone lebt Gudrun Schuster alleine. Sie kommt zurecht im Alltag. Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen empfindet die Rollstuhlfahrerin als überzogen. Bild: Götz

Seit einer Kopf-Operation 2003 ist Gudrun Schuster auf den Rollstuhl angewiesen. Seitdem begegnen ihr die meisten Menschen mit großer Hilfsbereitschaft. Oft so groß, dass es einfach "zu viel des Guten" sei.

Für den NT hat die 45-jährige Weidenerin eine "Anleitung zum Umgang mit Behinderten" verfasst. Denn diese Begegnungen verliefen oft "verkrampft", stellt die Diplom-Pädagogin fest:

Viele Menschen scheinen sich angesichts ihrer (körper-)behinderten Mitmenschen unwohl zu fühlen. Sie fühlen sich unsicher im Umgang mit ihnen. Sei es, dass diese in Erinnerung rufen, dass sie selbst oder einer ihrer Angehörigen von einer Behinderung betroffen werden könnte. Sei es, weil sie nicht einschätzen können, was sie alles erwarten könnte. Der Mensch ist anscheinend so konstruiert, dass er sich ein Bild vom anderen macht. Das heißt, andere werden gerne in Schubladen gesteckt. Auf behinderte Menschen übertragen, bedeutet dies, dass Behinderte per se verzweifelt wären und - nach meiner jüngsten Erfahrung zu urteilen - (finanzielle) Not leiden.

Sie sind also so arm dran, dass ihnen tiefstes Mitleid entgegengebracht werden muss. Da ich seit einer Kopf-OP im Jahre 2003 im Rollstuhl sitze, konnte und kann ich dieses Verhalten meiner Mitmenschen beobachten. Mein Resümee ist, dass viele es gut meinen. Was aber für einen behinderten Menschen nicht unbedingt gut ist.

Übertrieben sensibel


Wenn man beispielsweise in Begleitung eines anderen ist, wird grundsätzlich nur mit der Begleitperson gesprochen. In Anwesenheit der eigenen Person fallen Personalpronomen wie "sie". Die Stimme wird zum Flüsterton herabgesenkt, der Gesichtsausdruck wird tragisch-ernst und sorgenvoll. Dann kommt der Satz: "Was hat sie denn?" Manche werden dabei so nervös, als befürchteten sie, dass man jeden Moment mit Schaum vor dem Mund einen Anfall bekommen könnte oder dass sich eine Verzweiflung in Form von bitteren Tränen die Bahn bricht. Sie wollen eigentlich nur sensibel sein!

Da ich nun seit drei Jahren alleine in einer Wohnung lebe und demnach auch öfter alleine in der Stadt herumfahre, scheinen meine Mitmenschen mir eine gewisse geistige Kompetenz zuzuschreiben, so dass mir meistens Respekt - der, nebenbei gesagt, eigentlich eine Selbstverständlichkeit im mitmenschlichem Umgang sein sollte - entgegengebracht wird. Man kann darüber diskutieren, ob es respektvoll ist, dass man, ohne es zu wollen, einfach geschoben wird. Für mich ist das gleichbedeutend mit dem, dass ich jemanden unter den Arm nehme und ihn dann einfach mit fortziehe.

Auch wenn man mal nicht fortgezogen bzw. fortgeschoben wird, steht man als Rollstuhlfahrer immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Man steht sozusagen immer unter Beobachtung. Die Mitmenschen wollen helfen, sie meinen es nur gut. Um nicht missverstanden zu werden, geht es mir in diesem Text in keinster Weise darum, das Verhalten, also die Hilfsbereitschaft, meiner Mitmenschen zu kritisieren. Ich bin sogar erstaunt, wie groß die Bereitschaft zu helfen ist. Aber es kann zu viel des Guten sein.

Auch wenn man schon gefühlte millionenmal eine Tür geöffnet hat, fühlen sich selbst gehbehinderte Menschen aufgefordert, ihren Rollator zu verlassen und die Tür für einen aufzuhalten. Das ist inzwischen Alltag für mich, und ich sage mir jeden Tag "Sie meinen es nur gut". Wie sich gegen so viel Gutgemeintes wehren? Der absolute Höhepunkt an gut Gemeintem passierte mir jedoch vor nicht allzu langer Zeit in einem Geschäft in der Innenstadt.

Christliche Spende


Der betagte Inhaber hatte bei meinen früheren Einkäufen schon erheblich Mitleid gezeigt (was ich weder will noch nötig habe). Diesmal hielt er mir bei einem Gespräch mit einer Angestellten - mit der Bemerkung, "Ich bin Christ" - einen Fünf-Euro-Schein hin. Jetzt hatte ich aber weder ein Töpfchen wie ein Bettler noch Zeichen eines Auszehrungszustandes. Gut, ich trug zwar nicht die aktuelle Winterkollektion, aber meine Kleidung wirkte mit Sicherheit nicht ärmlich. Ich war so perplex angesichts dieser für mich sehr entwürdigenden Situation, dass ich überfordert war zu reagieren. Nach einer schlaflosen Nacht, in der meine Empörung bis ins Maßlose wuchs, "knallte" ich dem Geschäftsmann am nächsten Morgen die fünf Euro wieder hin. Ich denke, er begreift bis heute nicht, was er eigentlich getan hat. Er wollte ja nur Gutes tun. Aber wofür hätte ich seiner Meinung nach die fünf Euro verwenden sollen? Wurstsemmeln kaufen? Zigaretten? Schnaps, um mein Leid zu ertränken? Ein Gebetbuch, um Erlösung für meine arme Seele zu erflehen)?

Es gibt natürlich auch positive Erfahrungen in Form von offenen, unverkrampften Begegnungen. Aber leider sind verkrampfte Begegnungen in der Mehrzahl. Ich wünsche mir, vorurteilsfreie, den jeweiligen Menschen in den Blick nehmende Begegnungen. Da ich erst seit meinem 32. Lebensjahr im Rollstuhl bin, kann ich - glaube ich - den Unterschied zwischen "verkrampft" und "entkrampft" erkennen. Eine Krankengymnastin sagte mir einmal einen Satz, der den Umgang mit behinderten Menschen beschreibt. Sie lernte ihn in ihrer Ausbildung: "So wenig Hilfe wie möglich, so viel Hilfe wie nötig." Dieser Satz gefällt mir.

Immer locker bleiben


Also, liebe unversehrte Mitmenschen: Lasst Rollstuhlfahrer einfach mal sein. Habt Vertrauen, dass sie schon klarkommen. Wenn nicht, sagen sie schon was. Rollstuhlfahrer entwickeln Strategien, mit deren Hilfe sie ihre Defizite kompensieren können, und sie können ihre Fähigkeiten, aber auch ihre Grenzen am besten einschätzen. Ich möchte auch mal einfach nur die Auslagen in den Schaufenstern ansehen oder meinen Gedanken nachhängen, ohne ständig "Nein, danke" sagen zu müssen - auf die Frage, ob ich Hilfe bräuchte. Die Devise lautet: Immer locker bleiben.

Zur PersonMit Sehstörungen fing es an. 2002 sah Gudrun Schuster plötzlich Doppelbilder. Das Sprechen und das Laufen fielen ihr immer schwerer. Die Feinmotorik verschlechterte sich. Die Schrift wurde krakeliger, oft konnte die Hand den Stift nicht mehr halten. Bis zur Diagnose brauchte es zahlreiche Untersuchungen. Dann stand fest: Die Oberpfälzerin hatte ein Cavernom im Hirnstamm. In der Pons (Brücke) drückte es auf Nerven, verursachte die Ausfallerscheinungen.

Weil in der Pons die Atmung gesteuert wird, hätte Gudrun Schuster bei wachsender Läsion ersticken können. Bei einem Cavernom verknäueln sich Gefäße. Es sieht aus wie eine Brombeere und "kann in jedem Gewebe vorkommen", wie Gudrun Schuster weiß. "Oftmals merken die Menschen gar nichts und sterben in einem hohen Alter eines natürlichen Todes. Bei mir war es halt an einer blöden Stelle." Und deshalb blieb die Operation auch nicht ohne Folgen.

32 Jahre lang hatte Gudrun Schuster zuvor ein normales Leben geführt. Geboren ist sie am 26. Dezember 1970 in Eschenbach. Mit 9 Jahren zog ihre Familie nach Tännesberg. In Weiden besuchte sie das Elly-Heuss-Gymnasium. Nach einem Redaktionspraktikum bei den Oberpfälzer Nachrichten studierte sie Diplom-Pädagogik an der Universität Regensburg.

Die Operation am 16. Juli 2003 in München-Großhadern war erfolgeich. Das Cavernom wurde vollständig entfernt. "Der Neurochirurg meinte, es werde mir nie wieder Probleme machen", erklärt Gudrun Schuster. Folgeerscheinung war jedoch eine Ataxie, eine Koordinations- und Bewegungsstörung. Deswegen ist die heute 45-Jährige auch Rollstuhlfahrerin.

Das Leben geht weiter - Gudrun Schuster meistert es selbstbewusst. Sie lebt alleine in einer Wohnung in der Fußgängerzone. Mitleid will sie nicht, ebensowenig wie Hilfe im Alltag. Seit vergangenem Jahr macht die Diplom-Pädagogin eine Ausbildung in Psychotherapie (HPG). Im Oktober/November 2015 absolvierte sie ein Praktikum bei Dornrose e. V., einer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Weiden. (rg)

Zitat

"Ich habe mir noch nie gedacht, ,Oh Gott, ich hab ja so ein schweres Schicksal' (...) Natürlich, ist es nicht schön, im Rollstuhl zu sein, aber es ist halt eine Richtung, die das Leben nehmen kann. Ich halte es eher mit dem Spruch ,Shit happens'."

Gudrun Schuster
Lasst Rollstuhlfahrer einfach mal sein. Habt Vertrauen, dass sie schon klarkommen. Wenn nicht, sagen sie schon was.
Ich sage mir jeden Tag "Sie meinen es nur gut". Wie sich gegen so viel Gutgemeintes wehren?
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