Schnupfen, Husten, Heiserkeit: Was die Traditionelle Chinesische Medizin gegen Erkältungskrankheiten bewirken kann
Natürlich heilen

Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) existiert in unserem Körper eine Lebensenergie, genannt Qi. Diese Energie fließt in den Organen und auf der Oberfläche des Körpers. Je mehr Qi vorhanden ist und je ungehinderter die Lebensenergie fließen kann, desto gesünder und widerstandsfähiger ist der Mensch. In der kalten und nassen Jahreszeit wird das Qi durch das Eindringen von Kälte und Wind auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Nach TCM Philosophie lösen nicht Bakterien und Viren Erkältungskrankheiten aus, sondern jene äußeren Faktoren, die den gesunden Organismus befallen und eine Stagnation im Fluss des Qi auslösen. Ein Interview mit dem Weidener TCM Arzt Dr. med. Lothar Kiehl über alternative Behandlungen fernab von chemischen Keulen.

Herr Dr. Kiehl, die Erkältungszeit naht: Welche Arten von Prophylaxe kennt die Traditionelle Chinesische Medizin?

Prinzipiell nur diese: Eine über das ganze Jahr gelebte, gesunde Lebensweise und Ernährung. Insbesondere bei der Ernährung sollte auf Tiefkühlkost und Fertiggerichte verzichtet werden und das Augenmerk auf regionalen, frischen und vor allem saisonalen Bioprodukten liegen. In China selbst wird über Moxibustion, also dem Abbrennen von Beifußkraut durch die entstehende Glutwärme an entsprechenden Meridianpunkten (Bauchnabel-Moxa) die sogenannte „Wei-Qi-Schicht“ (Abwehr) gestärkt. Hierbei erzielt man einen Schutz gegenüber Angriffen von äußeren, pathogenen Faktoren, wie beispielsweise Erkältung, Husten, Schnupfen und Infektionen allgemein.

Und wenn es einen nun doch erwischt hat – welche Therapiemöglichkeiten hält die TCM bereit?

In der TCM unterscheidet man bei Erkältungskrankheiten zwischen einem „Wind-Kälte-Angriff auf die Lunge“ und einem „Wind-Hitze-Angriff auf die Lunge“.

Der „Wind-Kälte-Angriff auf die Lunge“ kommt einer normalen Erkältung mit typischen Beschwerden gleich: Schnupfen mit klarem Sekret, Niesen, Frösteln, Schüttelfrost, Abneigung gegen Wind, Zug und Kälte, leicht erhöhte Temperatur und Gliederschmerzen – üblicherweise mit einem langsamen Beginn. Hier empfiehlt es sich, den Köper zum Schwitzen zu bringen, wichtig sind Bettruhe und wenig essen. Wärmende, schweißtreibende Nahrungsmittel wie Gewürze, Knoblauch, Frühlingszwiebeln, Paprika, Chilli, Fenchelsamen, Kümmel oder Rosmarin und vor allem Ingwer sind ratsam. Weniger geeignet sind kühlende Lebensmittel wie Milchprodukte, Süd- und Zitrusfrüchte.

Bei einem „Wind-Hitze-Angriff auf die Lunge“, zum Beispiel bei einer klassischen Influenza Grippe mit fulminantem Beginn und sofortigen hohem Fieber, gelbem Auswurf, Kopf- und Gliederschmerzen, Abneigung gegen Wind und Hitze, trockenen Schleimhäuten, Durst, Verstopfung und dunklem Urin, empfiehlt sich folgende Behandlungsstrategie: Den Körper zum Schwitzen bringen und kühlen. Eher kühlende, Wind-Hitze vertreibende Nahrungsmittel wie Rettich, Brunnenkresse, Petersilie, Möhren, Chinakohl, Tomate, Gurke, Wassermelone und frische Pfefferminze sollten gegessen werden. Selbstverständlich gibt es auch sehr gute Kräutermischungen als Arzneien, die allerdings vom erfahrenen TCM Therapeuten der aktuellen Situation angepasst und kontrolliert eingesetzt werden müssen.

TCM Indikationen
Prinzipiell behandelt die Traditionelle Chinesische Medizin
alle Krankheitsbilder.
• TCM bei psychovegetativen Beschwerden, Schlafstörungen, Panikattacken, Erschöpfungssyndrom
• TCM bei chronischen Infektionskrankheiten (zum Beispiel chronische Borreliose)
• TCM bei Gelenk- und Wirbelsäulenbeschwerden
• TCM bei Migräne, Spannungskopfschmerzen
• TCM als Begleittherapie bei Tumorerkrankungen und Chemotherapie


Stichwort Akupunktur: Diese Methode spielt generell eine wichtige Rolle bei der TCM – was passiert da eigentlich genau?

Bei der Akupunktur werden mittels Nadeln sogenannte Akupunkturpunkte auf den Meridianen (Leitbahnen) entsprechend stimmuliert und damit das Qi im Körper gezielt bewegt. Dadurch können Blockaden und Blutstasen gelöst, unterversorgte Organe und Strukturen mit mehr Energie versorgt und Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Zu beachten ist allerdings, dass die Gesamtmenge an Lebensenergie und Qi durch Akupunktur nicht wirklich angehoben und verbessert werden kann. Dies gelingt nur über den Einsatz von spezifischen Kräutern und einer entsprechenden Ernährung. Aus diesem Grund sollte zu Beginn einer Erkältungs- und Infektionskrankheit auf eine Akupunkturbehandlung verzichtet werden, weil es hier nur zu einer Verschiebung und eventuell zu einer Schwächung des Qi kommen
kann.

Welche Vorteile bietet die TCM bei der Behandlung von Erkältungskrankheiten im Vergleich zur klassischen Schulmedizin?

Durch die Öffnung und Stärkung der Abwehr-Qi-Schichten wird das natürliche Abwehrsystem gestärkt und eine Bewältigung und Austreibung der Infektion unterstützt. Rein immunologisch und schulmedizinisch betrachtet, ist Fieber eine natürliche und erwünschte Abwehrreaktion des Körpers. Viele Schulmedizinische Therapien der Erkältungskrankheiten verwenden fiebersenkende Schmerzmittel und unterdrücken damit die natürliche Abwehrfähigkeiten. Fieber ab 39 Grad (Kreislaufbelastung und drohende Fieberkrämpfe) sollte dennoch moderat gesenkt werden. Fieber zeigt eine Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Erreger in den oberen Abwehrschichten. Versagt dieses erste Abwehrsystem, ist die Gefahr des unbemerkten Eindringens krankmachender Erreger in tiefe Schicht bis hin zur Lungenentzündung und schwerwiegenden Infektionen sehr groß. Eine Antibiotikabehandlung ist dann häufig nötig.

Die Symptome einer Erkältung sind meist eindeutig, dennoch: Die Untersuchungsmethoden in der Traditionellen Chinesischen Medizin sind sehr besonders – was macht beispielsweise die Zungendiagnostik so wertvoll?

Eine Unterscheidung zwischen „Wind-Kälte-Angriff“ und „Wind-Hitze-Angriff“ gelingt ganz besonders mit der Puls- und Zungendiagnostik. Der Unterschied besteht zum Beispiel in einem gelblichen Belag bei Hitze und einem dünnen weißen Belag auf blasser Zunge als Zeichen einer Kälteinvasion. Der Puls ist bei Kälte hier oberflächlich, langsam und gespannt. Während bei einer Hitzeerkrankung der Puls oberflächlich und schnell zu tasten ist. Entsprechend wird dann die Therapie individuell ausgerichtet.

Am Beispiel einer chronischen Infektionskrankheit wie der Borreliose sieht man mit Puls- und Zungendiagnostik häufig sehr gut, in welcher Abwehrschicht des Körpers sich der Erreger befindet. Dies wiederum ermöglicht eine gezielte Behandlung und Austreibung des Erregers aus dem Körper mit dem abgestimmten Einsatz der nachweislich antibiotisch wirksamen Kräuter. Erst kürzlich erhielt die chinesische Pharmakologin und TCM Ärztin Prof. Dr. Youyou Tu den Nobelpreis für Medizin für ihr Lebenswerk in der Erforschung der Wirksamkeit des in der TCM verwendeten Herba artemesia annue (einjähriges Beifußkraut = Qing Hao) gegen Malaria und anderer chronischer Infektionskrankheiten.

Erkältung oder echte Grippe?
Niedergeschlagen? Fieber? Die Nase und der Kopf dicht? Nun, es gibt bei allem Krankheitsgefühl eine gute Nachricht: Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um eine echte und gefährliche Grippe, die Influenza handelt, ist doch relativ gering. Meist ist es nur eine Erkältung, die jedoch für den Körper nichtsdestotrotz eine große Herausforderung ist. Während man bei einer Grippe schlagartig krank ist, vollzieht sich bei Schnupfen & Co. ein schleichender Prozess. Eine richtige Grippe unterscheidet sich deutlich von
einer klassischen Erkältung. Zwar ähneln die Anzeichen einer Grippe meist denen einer Erkältung, doch sind sie oft schwerer und langwieriger. Ein plötzlicher Krankheitsbeginn, länger andauerndes hohes Fieber, schwere Kopf- und Gliederschmerzen sowie ein erschöpfter Gesamtzustand deuten auf eine Influenza hin. Ein Arzt sollte dann in jedem Fall aufgesucht werden.

Text und Foto: Norbert Eimer