Schöffengericht verurteilt 22-jährigen zu drei Jahren und neun Monaten Haft und ordnet Entzug an
Nach 14 Bier Gullydeckel geworfen

Dieser 30 bis 40 Kilogramm schwere Gullydeckel landete am 17. August auf der A 93 bei der Ausfahrt Weiden-Süd auf der Fahrbahn. Bild: Polizei

Ein Intelligenzquotient von 78 und 14 Bier: Beides dürfte eine Rolle gespielt haben, warum ein 22-Jähriger am 17. August 2015 einen gusseisernen Gullydeckel auf die Autobahn A 93 warf. Der suchtkranke Mann wird die nächsten zwei Jahre in einer Entzugsanstalt verbringen. Die Reststrafe könnte dann zur Bewährung ausgesetzt werden.

Das Urteil des Weidener Schöffengerichts unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Gerhard Heindl lautet am Donnerstag auf drei Jahre und neun Monate Haft wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und vorsätzliche Körperverletzung. An einer Unterbringung zur Therapie führt kein Weg vorbei. Es gäbe selten so eindeutige Fälle: "Es ist greifbar, dass eine dringende Behandlungsbedürftigkeit besteht.

Wie massiv das Leben des 22-Jährigen durch die Trinkerei beeinflusst ist, legt Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder dar. Die Trunksucht reicht zurück in die achte Klasse, die der Weidener wiederholen musste und danach die Schule verließ.

Selbstverletzung, Suizidversuche, Sucht: Schon mit 17 wurde der Weidener stationär in einem Bezirkskrankenhaus behandelt. Dazu kam laut Rieder chronische Überforderung: Mit einem IQ von 78 hätte der Angeklagte nie eine Hauptschule besuchen sollen. Seine Eltern, einfache Leute, beschreibt der Angeklagte als ruhig und fürsorglich. Sie brachten den arbeitslosen 22-Jährigen durch, der seine Tage mit Autoschrauben und Biertrinken verbrachte.



Am Tag der Tat hatte der Filius schon einen halben Kasten intus, als am frühen Abend das Bier ausging. Er holte per Bus Nachschub in der Stadt und trank nach der Rückfahrt gegen 21 Uhr auf einer Parkbank das nächste "Seidl", etwa einen Kilometer von seinem Elternhaus entfernt. Vielleicht war es die Wut über ein Handy-Telefonat mit seiner verärgerten Freundin: "Ich kann mich nur an Bruchteile erinnern", sagt der 22-Jährige.

Auf dem Nachhauseweg überquerte er die Autobahnbrücke. An deren Ende hob er den 40 Kilo schweren Kanaldeckel aus dem Boden und schleppte ihn zurück. "Das war so 'ne spontane Tat." Er legte den Gully auf das Geländer - "und weil er so schwer war, konnte ich ihn nicht mehr zurückhalten."Bei der Polizei sagte er aus, dass er die Lichter der nahenden Autos sah.

Sechs Zeugen treten am Donnerstag auf, die alle einen prima Schutzengel haben. Vier Pendler waren nach Schichtende von Wackersdorf bzw. Wernberg auf der A 93 nach Norden unterwegs. Eine junge Familie aus Weiden mit einem zweijährigen Söhnchen war auf der Rückfahrt von Verwandten in Teublitz. Eine 25-jährige Studentin wollte im Minicooper von Regensburg nach Hause nach Grafenwöhr.

Zwei der sechs Autofahrer erreichten die Autobahnbrücke bei Neubau wenige Minuten, bevor der Gullydeckel fiel. Ein 53-Jähriger sah im Scheinwerferlicht eine Gestalt am Brückengeländer stehen: "Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich dachte mir: Hoffentlich erwischt es mich nicht." Das Auto der nachfolgende Familie wurde knapp von einem Erdklumpen verfehlt, den der 22-Jährige um 22.05 Uhr probehalber warf.

Um 22.15 Uhr krachte dann das gusseiserne 40-Kilo-Kanalgitter auf die Fahrbahn - und unmittelbar darauf rumpelten drei Pkw mit sechs Insassen darüber. Auf etwa 10 000 Euro beläuft sich der materielle Schaden, auf dem die Autofahrer bzw. ihre Versicherungen sitzen blieben. Die Geschädigten erlitten Schleudertraumen, Rückenschmerzen, Gehirnerschütterung, dazu psychische Folgen. "Am meisten beschäftigt mich, wie jemand sowas machen kann mit dem Wissen, dass er damit jemanden umbringen kann", sagte die Studentin. Eine befriedigende Antwort kann der Angeklagte am Donnerstag nicht geben: "Ich habe mir in dem Moment überhaupt keine Gedanken gemacht." Richter Heindl war überzeugt, dass der Weidener mit Absicht einen Unglücksfall herbeiführen wollte: "Ein anderer Schluss ist nicht möglich."
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