Schüler ahmen Bayerischen Landtag nach
Wie im richtigen Leben

Annette Karl (links) und Jürgen Mistol waren beim Planspiel der Sophie-Scholl-Realschule zunächst nur Zuhörer. In die Rolle der Mitglieder des Bayerischen Landtags schlüpften die Schülerinnen selbst. Bilder: Götz (2)
 
Damian Groten begleitete die Zehntklässlerinnen bei der Fraktionssitzung.

Während Gelächter und Schreie durch die Aula der Sophie-Scholl-Realschule hallen, werden in einem abgeschotteten Raum wichtige Gesetze verabschiedet. Es geht um die Schulreform in Bayern.

Ein wenig schief hängt die bayerische Flagge am Rednerpult. Wie im Landtag reihen sich Stühle halbmondförmig um den Tisch. Ein schwarzes Mikrofon ragt in die Höhe. In der letzten Reihe sitzen Annette Karl und Jürgen Mistol. Beide sind Mitglieder des Landtages. Die Zehntklässlerinnen der Sophie-Scholl-Realschule dürfen das für einen Tag auch sein.

"Der Landtag sind wir", heißt das Planspiel, das bei rund 50 Schülerinnen am Freitag von 8 bis 13 Uhr auf dem Stundenplan steht. Dabei schlüpfen die Jugendlichen in die Rolle von Abgeordneten, beraten sich in den Fraktionen, diskutieren im Plenum und beschließen Gesetze. "Die Schüler haben sich neue Identitäten zugelegt und vertreten vier Fraktionen", erzählt zweiter Konrektor Alexander Lindner. Eine 40-jährige Juristin mit zwei Kindern und eine 57-jährige Passauer Landwirtin sind dabei - natürlich mit lauter Professoren- und Doktorentiteln.

In vier Fraktionen - CSU, Freie Wähler, Bündnis 90/Die Grünen und SPD - erarbeiten die Schülerinnen unter fiktiven Namen wie Dr. Ursula von Buxdehude und Dr. Melanie Kurfürst Anträge unter anderem zu Themen wie "Sitzenbleiben" und "Klassengröße" und versuchen, die Entwürfe bei der Abstimmung im Plenum durchzuboxen.

Ohne Noten


"Erstaunlicherweise sind die meisten Schüler für das Sitzenbleiben", wundert sich Lindner. Das habe sich in den Gesprächen der Fraktionen herauskristallisiert. Was jedoch letztendlich beschlossen werde, wisse er noch nicht. "Das Projekt ist unbenotet", erklärt Lehrerin Roswitha Kunz. 80 Prozent der Schülerinnen seien mit vollem Interesse dabei. "Das merkt man bei den Redebeiträgen." Dass die Jugendlichen für das Sozialkunde-Projekt extra vom Unterricht freigestellt wurden, könne teilweise aber auch eine Rolle spielen. "Es ist relativ diszipliniert. Sie halten sich an die Rederegeln, melden sich", betont Kunz.

Plötzlich tritt die Landtagspräsidentin ans Rednerpult und läutet ein Glöckchen. Im Plenum wird es ruhig. Annette Karl und Jürgen Mistol blättern in den Anträgen. "Da würde ich auch zustimmen", flüstert Mistol zu Karl gewandt. Die Abgeordnete streckt lachend den Daumen nach oben. Die Landtagspräsidentin bittet die ersten Redner um ihre Anträge.

Gesetz verabschiedet


"Weiterhin soll nichts geändert werden", liest die Vorsitzende des Bildungsausschusses vor und hält inne. "Nein, das ist falsch", sagt sie und sucht in ihren Unterlagen. "Wie im richtigen Leben", wird aus der letzten Reihe im Flüsterton kommentiert. "Die Klassenwiederholung soll abgeschafft werden, außer in der Mittelschule", fordert die Vorsitzende dann.

Selbstbewusst tritt die CSU-Fraktion an das Pult: "Frau Präsidentin, meine Damen und Herren. Wir, die CSU, hatten heute Erfolg." Das Publikum lacht. "Die SPD hat für Verwirrung gesorgt, die Freien Wähler hatten keine Argumente", greift die Rednerin die gegnerischen Fraktionen an. Karl und Mistol grinsen. Ein Redner nach dem anderen tritt an das Pult und plädiert für die jeweiligen Anträge. Die Mehrheit ist gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens. Applaus: Das Gesetz ist verabschiedet.

"Jetzt kommt ein schmerzhafter Schritt. Ihr werdet eurer Ehrentitel wieder beraubt", sagt Damian Groten vom Bayerischen Landtag. Die Abgeordneten reißen sich ihre Namensaufkleber vom Pulli und sind wieder Schülerinnen der Sophie-Scholl-Realschule.
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