Schüler lernen, rechten Parolen zu widersprechen
Faul. Alle miteinander!

 
Jeder offenbart mit solchen Sätzen etwas.

Kriminell sind sie. Alle. Und faul sowieso. Rechte Parolen, bevorzugt über Ausländer, haben zurzeit noch mehr Konjunktur als sonst. Wie sie darauf reagieren können, haben Weidener Schüler gelernt. Auch wenn sie dafür erst mal Verständnis für die Hetzer aufbringen müssen.

Erst kommen die Parolen, dann das Essen. Die Familie sitzt am Küchentisch. Bevor die Mahlzeit serviert wird, muss der Vater noch dringend seine Gedanken loswerden. "Lauter Asylanten und Muslime in deiner Klasse", wettert er. "Die Lehrer konzentrieren sich nur noch auf die!" Die anderen am Tisch halten dagegen: Die Noten seien gar nicht schlechter als in Klassen mit weniger Ausländern. Und so weiter ...

Die Szene haben sich Augustinus-Gymnasiasten ausgedacht. Mit dem Rollenspiel sollen sie einüben, was sie in den Stunden zuvor gelernt haben. Und dabei geht es beileibe nicht nur um Streit am Küchentisch. Sondern um Fragen, die der ganzen Gesellschaft auf den Nägeln brennen. Von 8 bis 15 Uhr haben die Neuntklässler ein "Argumentationstraining gegen rechte Parolen" bekommen. Bei diskriminierenden, rassistischen Äußerungen fühlten viele erst einmal ein Ohnmachtsgefühl. Das Training solle hier helfen, das Selbstbewusstsein heben. "Wir wollen die stärken, die inneren Widerspruch fühlen", erläutert Katharina Weber.

Sie ist wissenschaftliche Referentin beim Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie", der das Training in dieser Woche am "Augustinus", der Wirtschaftsschule und am Elly-Heuss-Gymnasium hält. Seit vergangenem Jahr gibt es das Angebot in dieser Form bundesweit an Schulen. "Wir werden vor Anfragen überrannt", sagt Weber.

Verstehen versuchen


Tatsächlich kennen auch die Neuntklässler des Augustinus-Gymnasiums das Problem mit den Parolen. Stefania Smardenka zum Beispiel. Die 14-Jährige ist Griechin. Als der Schulenstreit hochkochte, habe sie sich einige Sprüche anhören müssen, erzählt sie. Sie habe zwar dagegengehalten. Aber nicht genau gewusst, wie das am besten funktioniert. Ähnlich erging es auch Schulkameradin Anna Träger. Bei ihr seien es vor allem Gespräche über Flüchtlinge gewesen. "Ich habe oft mitgekriegt, dass sich die Leute da drastisch geäußert haben." Was aber tun, wenn man jemandem, der so daherredet, widersprechen will? Anna hat im Training ein Rezept gelernt: "Versuchen, zu verstehen."

Das mag erst einmal überraschend klingen. Verstehen, wenn doch Einspruch angebracht wäre? Es kann aber ein nötiger Zwischenschritt sein. "Viele versuchen, auf einer sachlichen Ebene zu argumentieren", erklärt Weber. Nur: Die nötigen Fakten könne eh niemand alle im Kopf haben. Und, wichtiger, selbst wenn man sie kennt, "es bringt nichts". Jemand mit rechter Einstellung interessiere sich nicht dafür. Ohnehin, was helfe es, wenn sich ein Streitgespräch entwickle? Da verhärten sich nur die Fronten - und die Meinungen. Wichtig sei deshalb, zuerst herauszufinden, warum jemand rechte Parolen von sich gebe, statt ihn zu verteufeln. In Vorurteilen könnten sich nämlich viele ganz anders gelagerte Motive verbergen. Ängste, Unsicherheiten, Neid oder Unwissen. Oder persönliche Erfahrungen zum Beispiel. Wenn jemand mit einem Ausländer etwas Schlechtes erlebt hat und das in der Folge mit allen Ausländern verbindet.

Fakten später


Es gelte herauszubekommen, was davon hinter Parolen steckt. "Jeder offenbart mit solchen Sätzen etwas." Wisse man, was, "kann man versuchen, über die Motive, die Gefühle dahinter ins Gespräch zu kommen". Wer sich so einem Gesprächspartner nähere, könne dann auch mit Fakten und Ähnlichem argumentieren. Und hoffen, beim Gegenüber etwas zu bewirken. Das bringe im Kleinen etwas wie im Großen. Schließlich sei ja auch der Gesellschaft in der Diskussion über Flüchtlinge die Mitte verlorengegangen. Da sei es wichtig, Brücken zu bauen.

Gleichaltrige schulen


Die rhetorischen Kniffs dafür lernen die Schüler im Training mit den Dozenten Johannes Karl und Clemens Bauer in der Theorie und vor allem praktisch mit vielen Übungen. Es soll damit aber nicht auf sich beruhen. Bei Interesse können sich die Jugendlichen noch einmal vom Verein ausbilden lassen, um später selbst Gleichaltrige zu schulen.

Und bis dahin können sie im eigenen Umfeld schon einmal gegen böse Verallgemeinerungen anstehen. "Man hat nur Vorurteile gegen Menschen, aber man sieht nicht die Menschlichkeit in ihnen", ist eine der Botschaften, die Schülerin Anna für sich herausgezogen hat. Schubladendenken über Menschengruppen sei nunmal falsch. Das merke man spätestens, wenn man sich die Klischees vor Augen führe, die Leute in anderen Ländern über einen selbst hätten. "Sonst müssten wir ja immer nur Weißwürste und Brezen essen."
Jeder offenbart mit solchen Sätzen etwas.Katharina Weber


Verein "Gegen Vergessen"Das Argumentationstraining gegen rechte Parolen bietet "Gegen Vergessen - Für Demokratie" an. Der Verein wurde 1993 gegründet und zählt heute mehr als 2000 Mitglieder. Ziel ist es laut Selbstbeschreibung vor allem, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und das Unrecht der SED-Diktatur wachzuhalten. Das Training in Weiden an der Wirtschaftsschule, dem Elly-Heuss- und dem Augustinus-Gymnasium unterstützt das Bundesprogramm "Demokratie leben". Die drei Einrichtungen kooperieren dabei als Teil des Netzwerks "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". (fku)
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